Ein paar Worte zum Okzitanischen...


Das Okzitanische (occitan, langue d'oc) gehört zu den romanischen und hierbei zu den galloromanischen Sprachen. Es ist vor allem in Frankreich, südlich einer Linie Bordeaux-Briançon, verbreitet (vgl. Abb. aus Bec, La langue occitane, Paris 1995) und wird außerdem in Norditalien (in den an Frankreich angrenzenden Tälern der Seealpen) und in der spanischen Autonomen Region Katalonien (in der Val d'Aran) gesprochen. Außerhalb dieses zusammenhängenden Verbreitungsgebiets gibt es okzitanische Sprachinseln in Süditalien (Guardia Piemontese in Kalabrien) und Nordamerika (Valdese / North Carolina).

Karte des okzitanischen Sprachgebiets

Genaugenommen ist das Okzitanische eine Gruppe regionaler Varietäten ("Dialekte"), die in sich wiederum stark (lokal) untergliedert sind. Als wichtigste Untergruppen des Okzitanischen in Frankreich werden unterschieden (vgl. Abbildung): Das Nordokzitanische (limousin, auvergnat, occitan vivaro-alpin), das Südokzitanische (Provenzalisch, aus dem manchmal noch das occitan nissart der Grafschaft Nizza ausgegliedert wird; die zentrale Varietät des languedocien) und schließlich das besonders eigentümliche Gaskognische (dem das aranes in Katalonien zugehört). Die Unterschiede im Wortschatz, aber auch in der Morphologie der okzitanischen Varietäten zeigt folgender Auszug aus dem Gleichnis vom Verlorenen Sohn auf Provenzalisch und Gaskognisch (zit.n. Bec, La langue occitane, p.111ff.):

Provenzalisch:

Gaskognisch:

Un vèspre, lo vèntre vuège, lo fiu se laissèt tombar sus un tòc d'aubre; e agachava pèr la fenèstra lis aucèus que volavan leugièrament. E puèi veguèt parèisser dins lo cèu la luna e lis estèlas. Un ser, lo vente void, lo hilh que's deishèc càser sus ua soca en tot espiar pèr la frenèsta los ausèths qui volavan leugèrament. Après que vegoc paréisher dens lo cèu la lua e los lugrans.

Einige Sprachwissenschaftler möchten das Okzitanische und das südlich angrenzende Katalanische zu einer Sprachgruppe zusammenfassen. Der Okzitanist Pierre Bec hat deshalb das Konzept eines "okzitano-romanischen Diasystems" eingeführt, dem die okzitanischen und die verschiedenen katalanischen Varietäten zuzurechnen seien. Hierbei handelt es sich natürlich - wie beim Begriff der okzitanischen "Sprache" auch - um ein abstraktes linguistisches Konstrukt, dem leider weder eine (politische) Realität noch ein allgemeines Sprecherbewußtsein entsprechen. Wie jüngere empirische Studien belegen, ist der Terminus "Okzitanisch" bei den muttersprachlichen Sprechern kaum verankert. Gerade die ältere Sprechergeneration, die noch am ehesten in einem okzitanischsprachigen Umfeld großgeworden ist und heute die meisten Vollsprecher des Okzitanischen stellt, bezeichnet ihre Varietät nach wie vor bevorzugt als "patois" oder benennt sie nach ihrer unmittelbaren Heimat ("rhodanien", "nissart", "bigourdan"). Auch kann bei weitem nicht davon ausgegangen werden, daß sich die Mehrzahl der Sprecher bewußt ist, daß sie mit ihrer Varietät eine eigene "Sprache" und nicht irgendeinen Dialekt einer ihr unklaren Überdachungssprache spricht. Infolgedessen und auch, weil in den okzitanophonen Gebieten (außer in der katalanischen Val d'Aran) kein Sprachzensus geführt wird, ist die Sprecherzahl nicht bestimmbar; in der Literatur schwanken die Angaben zwischen 2 und 12 Millionen Menschen.

Der Hintergrund für die problematische soziolinguistische Situation des Okzitanischen ist sein schwacher politisch-rechtlicher Status. In Frankreich genießt die Sprache als eine der "langues ethniques" (neben Bretonisch, Flämisch, elsässisch-lothringischem Deutsch, Katalanisch, Korsisch und Baskisch) keinen offiziellen Schutz. Die okzitanischen Varietäten in Piemont profitieren von den Regionalismusbestrebungen in Norditalien, ohne daß sich dies bislang in konkreten politischen Maßnahmen konkretisiert hätte. Lediglich das Okzitanische auf spanischem Territorium, das Aranesische, hat in seinem (kleinen, etwa 6000 Sprecher zählenden) Sprachgebiet den Status einer offiziellen Sprache und Amtssprache (neben Katalanisch und Kastilisch). Die Präsenz des Okzitanischen in den Druck- und den elektronischen Medien ist gering; so gibt es erst seit 1995 mit "La Setmana" eine pan-okzitanische Wochenzeitung. Die Stellung des Okzitanischen im Bildungssystem ist etwas besser: an zahlreichen staatlichen Schulen Südfrankreichs wird Okzitanisch als Wahlfach unterrichtet. Seit 1992 gibt es die Möglichkeit, ein Lehramtsexamen (C.A.P.E.S.) für Okzitanisch an weiterführenden Schulen zu erwerben. Daneben bestehen Privatschulen ("calandretas" genannt), wo Okzitanisch nicht nur Unterrichtsfach, sondern auch Unterrichtssprache ist, sowie einige wenige zweisprachige Züge in bestimmten staatlichen Schulen. Insgesamt werden so etwa 70.000 französische Schülerinnen und Schüler jährlich in Okzitanisch unterrichtet. Leider hat dieser Unterricht kaum Auswirkungen auf die Sprachwahl der Kinder und Jugendlichen im Alltag, wo das Französische dominiert. In der Val d'Aran ist das Okzitanische dagegen für alle Schüler obligatorisch und in den meisten Schulen auch Unterrichtssprache.

Für das Okzitanische (bzw. seine Varietäten) setzen sich eine große Zahl kultureller und sprachpflegerischer Vereinigungen ein. Die bekannteste ist das Institut d'Etudes Occitanes (I.E.O.), das 1945 nach dem Vorbild des katalanischen Institut d'Estudis Catalans gegründet wurde. Diese dezentral organisierte Institution (sie funktioniert vor allem durch ihre Sektionen in den Departements und in Paris) hat sich u.a. die Verbreitung der sog. "normalisierten" Orthographie zum Ziel gesetzt. Diese beruht auf der mittelalterlichen okzitanischen Koinê, die durch die Troubadourlyrik im 11. bis 13.Jahrhundert die Literatursprache des romanischen Raums schlechthin gewesen war. An diese Epoche des größten Prestiges knüpft auch das Konzept eines Sprachraums Okzitanien an, das vom I.E.O. propagiert wird. Der "normalisierten" Orthographie steht die sog. "orthographe félibréenne" gegenüber, die stärker phonologisch vorgeht und sich die Transkriptionsprinzipien der französischen Orthographie zunutze macht. Dieses Schreibsystem kommt aus der Bewegung des Félibrige, eines Literatenkreises um den Provenzalen Frédéric Mistral (1830-1914), der mit seinem Epos "Mirèio" eine romantisch motivierte Renaissance der okzitanischen Literatur einläutete. Das folgende nichtliterarische Textbeispiel -es stammt aus Cristòu Stecòlis Pichota antologia occitana- soll den Unterschied zwischen den beiden Graphien illustrieren:

"Alibert"-Orthographie: "Félibrige"- Orthographie:
Pendent pron de sègles, la produccion literària dei país d'òc s'endromiguèt. Puei, au sègle XIXe, Mistral e lei felibres an tornat donar a la lenga d'òc sei letras de noblessa. S'apèla la Renaissança Provençala. Pendent proun de sègle, la prouduccion literàrio dei peïs d'ò s'endroumiguè. Puèi, au sègle XIXe, Mistral e lei felibre an tourna douna à la lengo d'ò sei letro de noublesso. S'apèlo la Renaissanço Prouvençalo.

Heute wird überwiegend von der normalisierten Orthographie Gebrauch gemacht. Allerdings ist die Normierung des Okzitanischen, bedingt durch fehlende staatliche Unterstützung, durch das allgemein eher geringe Prestige der Sprache, aber auch durch Widerstände und Friktionen innerhalb der Sprechergemeinschaft (bzw. der Sprachaktivisten), noch nicht abgeschlossen. Ein von Sprechern aller Varietäten akzeptierter schriftsprachlicher Standard fehlt nach wie vor, auch weil das Okzitanische (außerhalb des Kreises akademischer und militanter Okzitanisten) kaum schriftlich verwendet wird. Dementsprechend gibt es auch kein "okzitanisches" Wörterbuch und keine "okzitanische" Grammatik im eigentlichen Sinne, dafür aber eine Fülle von Materialien zu den Einzelvarietäten.

Eine besondere Stellung innerhalb des Okzitanischen wird im Allgemeinen dem Gaskognischen zugestanden. Es gab und gibt immer wieder Stimmen, die das Gaskognische als eigene, zur Iberoromania weisende "Sprache" anerkannt haben wollen. Es unterscheidet sich von den übrigen Varietäten in Lautstand und Morphologie tatsächlich sehr deutlich. Äußerlich am auffälligsten sind folgende beiden Kriterien: im Gaskognischen wird anlautendes lateinisches "f" zu "h" (Beispiel: lat. FILIUM > gaskognisch "hilh" / languedocien "filh"). Außerdem stellen die meisten Varietäten des Gaskognischem dem Verb stets ein sog. Enunziativ voran (Beispiel: gaskognisch "Lo pair que digó..." / langedocien "lo pair diguèt..."). Schließlich verwenden die Pyrenäenvarietäten die Artikel "eth / era" anstelle "lo / la". Obwohl das Gaskognische nicht vom Glanz eines mittelalterlichen literarischen Erbes profitiert, war es länger als alle anderen okzitanischen Varietäten Amtssprache und Prestigeidiom (in Béarn und im Pyrenäenraum bis ins 16.Jahrhundert und länger). Heute gehört es zu den dynamischsten unter den okzitanischen Varietäten. Auf seinen offiziellen Status in der zu Katalonien gehörenden Val d'Aran war bereits hingewiesen worden.


Um mehr über das Okzitanische zu erfahren...

Einführende Literatur zum Okzitanischen:

Um Okzitanisch zu lernen (Selbstlernkurse, Grammatiken):

Einführende Literatur, Sprachkurse, Grammatiken und Wörterbücher speziell zum Gaskognischen:

Mehr zum Okzitanischen auf dem WWW:

Forschungseinrichtungen und Bibliotheken:

Romanistischer Fachverband für okzitanische Sprach- und Literaturwissenschaft:


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