Raphaële Wiesmath
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Raphaële Wiesmath

Anschrift:Moltkestaße 38
D-79098 Freiburg
Tel.: +49 +761 211 49 00
e-mail:wiesmath@uni-freiburg.de


Angaben zur Person

Raphaële Wiesmath nahm im WS 1989/90 an der Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn ein Romanistik- und Germanistik-Studium auf. Ab WS 1990/91 studierte sie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, wo sie 1995 das erste Staatsexamen in den Fächern Französisch und Deutsch ablegte. Von 1995 bis 1997 war sie Lektorin für deutsche Sprache und Literatur an der École Normale Supérieure de Fontenay/ Saint-Cloud (Paris). Zur Zeit arbeitet R.W. an einem Dissertationsvorhaben über die Syntax des français acadien. Das Projekt schließt sich einer Reihe von Arbeiten an, die im Rahmen des Freiburger Sonderforschungsbereiches "Übergänge und Spannungsfelder zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit" entstanden sind. 1997 verbrachte R.W. einen dreimonatigen Forschungsaufenthalt an der Université de Moncton (Neubraunschweig, Kanada). Dieser diente der Erhebung eines akadischen Textkorpus und wurde vom Deutschen Akademischen Austauschdienst gefördert. 1998 erhielt R.W. ein Promotionsstipendium der Landesgraduiertenförderung.

Raphaële Wiesmaths besonderes Interesse gilt dem strukturellen Vergleich der unterschiedlichen überseeischen Varietäten des Französischen mit den Frankokreolsprachen einerseits und mit dem gesprochenen Französisch Frankreichs (français populaire und ältere Sprachstufen) andererseits. Wesentlich ist dabei, daß sich diese gesprochenen Varietäten bis hin zu den Frankokreolsprachen unabhängig von jeder Sprachnormierung weiterentwickeln konnten und erst in neuester Zeit unter dem Einfluß des français standard stehen. Dabei geht es R.W. darum, Erkenntnisse zu gewinnen hinsichtlich der allgemeineren Frage, wie sich die Ausdifferenzierung des Französischen vollzogen hat und noch heute vollzieht. Folgende linguistische Aspekte finden in ihrem Ansatz eine besondere Berücksichtigung:

- universalistische und sprachtypologische Fragestellungen, da erst vor dem Hintergrund rein kognitiver übereinzelsprachlich definierter Konzepte einzelsprachliche Realisie-rungsformen miteinander verglichen werden können.
- systemintern bedingter Sprachwandel.
- pragmalinguistische Faktoren und Grammatikalisierungsprozesse.
- soziolinguistische Rahmenbedingungen: Minderheitensprachen, Sprachpolitik, Sprach-kontakt, institutioneller und individueller Bilingualismus, Sprache und Identität, Phänomene des Ausbaus, der Verschriftlichung und der Normierung essentiell mündlicher Sprachen.
- Textlinguistik
- Korpuslinguistik.


Dissertationsvorhaben
"Prozesse der Ausdifferenzierung: Syntax des
français acadien"

Das français acadien stellt eine der zahlreichen überseeischen Varietäten des Französischen dar, die sich jeweils in einem unterschiedlichen Ausmaße von ihrer Ausgangssprache, dem Französischen des 17. und 18. Jahrhunderts, fortentwickelt haben. Dabei haben sich die Frankokreolsprachen am weitesten von ihrer Ausgangssprache entfernt. Weniger radikale Formen der Weiterentwicklung sind überseeische Varietäten wie das Französische in Québec, in der Acadie und in Louisiana sowie die in den verschiedenen Regionen Frankreichs gesprochenen Dialekte.

Will man versuchen, den Ausdifferenzierungsprozessen der französischen Varietäten auf die Spur zu kommen, so fragt man sich zunächst, welche Position jede Varietät hinsichtlich des Kriteriums konservativ/ innovativ einnimmt. Zu Recht spricht hier Robert Chaudenson von einem evolutionären interlingualen Kontinuum, auf dem die französischen Einzelsprachen je nach ihrem strukturellen Verwandtschaftsgrad anzusiedeln sind, und das zugleich das Entwicklungsstadium der jeweiligen Systeme widerspiegelt.

Wie nun bei der eigentlichen sprachlichen Analyse vorzugehen ist, zeigt ein ebenfalls von Chaudenson entwickeltes theoretisches Beschreibungsmodell: das français zéro, das sämtliche Variablen des Französischen umfaßt. Unter Variablen sind Subsysteme des französischen Sprachsystems zu verstehen. Die Variablen werden im Akadischen und in den übrigen Varietäten in Form von Varianten unterschiedlich realisiert und dienen dem strukturellen Vergleich der aus dem Französischen hervorgegangenen und sich stets weiter ausdifferenzierenden Varietäten.

Chaudensons Modell wird jedoch um eine universale Perspektive erweitert. Seinem Begriff der Variable, soll in Anlehnung an Hansjakob Seiler ein universales Sprachhandlungsprogramm zugrunde gelegt werden. Ein solches Sprachhandlungsprogramm stellt die Dimension Junktion dar, d.h. jede mögliche Strategie, die ein Sprecher verwendet, um die universelle Aufgabe der Verknüpfung mehrerer Sachverhaltsdarstellunungen sprachlich zu lösen. Auch hier handelt es sich um ein Kontinuum, wobei sich die einzelsprachlich realisierten Verknüpfunstechniken zwischen den Extrempolen der Aggregation (lose Aneinanderreihung von Sachverhaltsdarstellungen) und der Integration (komplexe Verknüpfungstechniken) bewegen.

Wesentlich ist, daß textbezogen gearbeitet wird. Zu diesem Zweck wurde im Süd-Osten der kanadischen Provinz Neubraunschweig ein Textkorpus erhoben, das die Transkription von 11 Stunden gesprochenem Akadisch umfaßt: berücksichtigt wurde das gesamte Spektrum vom spontanen Gespräch (bis zu vier Kommunikationsspartnern) zum formelleren monologischen Vortrag. Bei der Notation ist die Halbinterpretative Arbeitstranskription (vgl. Ehlich 1993) maßgebend. Die Texte werden großenteils in der Standardorthographie wiedergegeben, wobei in einigen Fällen die regionale Aussprache berücksichtigt wird. Die Partiturschreibweise ermöglicht es, jeden Sprecherwechsel, aber auch simultanes Sprechen von mehreren Personen graphisch anschaulich wiederzugeben. Ferner wurden außersprachliche für die Kommunikation relevante Elemente notiert. Das Textkorpus wird mit einer interlinearen englischen Übersetzung versehen.
Die oben skizzierte methodische Vorgehnsweise soll abschließend anhand einer der Realisierungsformen der Dimension Junktion, am Beispiel der konditionalen Satzgefüge, veranschaulicht werden:

Bei der Verknüpfung von Sachverhaltsdarstellungen bleibt das logische Verhältnis in der gesprochenen Sprache oft implizit. Wir haben es dann mit einer aggregativen Technik der Satzverknüpfung zu tun. Dies illustriert das folgende Beispiel:

(1)j'ai mon char pis i y a des femmes d'alentour tu sais icitte * i veulent aller à
I habe meinen Wagen und da gibt es Frauen hier in der Nachbarschaft wenn sie nach Sainte-

Saint-Anne voir/ voir le docteur ou veulent aller à Rexton ben là faut les
Anne zum Arzt fahren wollen oder wenn sie nach Rexton fahren wollen dann muß jemand sie

mener parce que les hommes ça les tanne.
hinfahren weil die Männer das langweilt sie.

Das Bedingungsverhältnis bleibt zwar implizit, doch wird das Verständnis des Hörers gelenkt, insofern als Gliederungssignale wie ben, ben là, oder mais là im Akadischen oft mit einer Konditionalkonjunktion korrelieren und die Satzgrenze zwischen übergeordnetem und untergeordnetem Satz markieren:

(2)ouais si qu'alle a ses petits là ben là . tu sais alle va les faire/ a' va les protéger.
ja wenn sie ihre Jungen (Bären) bei sich hat weißt du dann wird sie sie beschützen

Interessant ist nun, daß Cynthia Stäbler (1995a, S. 179) dieselbe Feststellung für das français cadien Louisianas macht, so daß sich hier die Frage stellt, ob die Korrelation einer konditionalen Konjunktion mit einem Gliederungssignal (ben (là), mais (là)) einen Grammatikalisierungsprozeß durchläuft, an dessen Ende eine Konstruktion wie in Beispiel (1) stände. Dabei fängt das Gliederungssignal die Funktion auf, die sonst eine Konditionalkonjunktion leistet. Da das Korpus jedoch neben Konstruktionen wie in Beispiel (2) auch zahlreiche si-Sätze ohne Gliederungssignal aufweist, ist das Gliederungssignal in erster Linie als ein expressives Mittel zum verstärkten Ausdruck der Folge in einem Bedingungsverhältnis anzusehen. Ein Grammatikalisierungsprozeß ist jedoch nicht auszuschließen, zumal die mit dem Gliederungssignal verbundene Emphase in vielen konditionalen Satzgefügen verblaßt.

Betrachtet man nun weiter die Konstruktion von Konditionalsätzen, so stellt sich das Akadische in diesem Punkt als konservativer gegenüber dem français cadien heraus. Zugleich verhält es sich jedoch innovativer als das Kontinentalfranzösische. Im français cadien wird bei der Bildung irrealer Bedingungssätze sowohl im Hauptsatz als auch im Nebensatz der Konditional gesetzt (Stäbler 1995a, S. 179). Das Akadische spiegelt demgegenüber eine frühere Entwicklungsstufe wider: hier tritt im Nebensatz sowohl der Konditional als auch das Imperfekt auf:

(3)si j'avais l'argent j'aimerais d'aller . . du côté d'où ce que mes ancêtres de viennent.
wenn ich das Geld hätte würde ich gern dorthin fahren woher meine Vorfahren kommen

(4)si le gouvernement dirait à Québec . . . tu veux te séparer . arrange-toi avec tes
wenn die Regierung zu Quebec sagen würde du willst unabhängig werden dann sieh zu wie du mit

ressources naturelles . pas d'aide du gouvernement fédéral le gouvern/ euh le Québec
deinen Bodenschätzen zurechtkommst keine Hilfe von der Regierung Quebec

pourrait pas arriver.
würde es nicht schaffen
Die Anwendung des Konditionals im Nebensatz ist im Akadischen frequenter als das Imperfekt. Es läßt sich also ein Generalisierungsprozeß des Konditionals an dieser Stelle ausmachen in Richtung auf einen Sprachzustand, wie ihn das français cadien bereits erreicht hat. Für eine solche Entwicklung spricht ferner die Tatsache, daß aufgrund des Konditionals auch konjunktionslose Satzgefüge als subordinierte Bedingungssätze interpretiert werden können:

(5) ces sacs-là nous-autres au jour d'aujourd'hui tu irais acheter un sac de farine de même .
solche Säcke da wir heutzutage wenn du einen solchen Mehlsack kaufst

on va mettre ça au chemin la semaine prochaine
dann stellt man. ihn in der Woche darauf an den Wegrand

Auch im français populaire und in der Kindersprache läßt sich der Gebrauch des Konditionals im Nebensatz beobachten, dem jedoch der starke Einfluß der Norm immer wieder Einhalt gebietet (Gadet 1992, S. 89). Zu klären ist daher die Frage, inwiefern der Einfluß des français standard die Ausdehnung des Konditionals auf den Nebensatz im Akadischen aufhalten könnte. Genauer zu untersuchen bleibt auch in diesem Kontext, über welche Strategien die Frankokreolsprachen verfügen. Fest steht jedoch, daß das Akadische hier eine Zwischenstufe darstellt. Es hat die Tendenz, den Konditional zu generalisieren, fortgesetzt, während sie in Frankreich durch den Druck der Norm aufgehalten wird. Das français cadien hat diese Tendenz dagegen zu einem Abschluß geführt.


Literaturhinweise


Original file name: Wiesmath.RTF - converted on Wednesday, 4 November 1998, 12:04

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