Angaben zur Dissertation
(Stand: Mitte 1995, also ganz am Anfang)


1958 gilt unter Argumentationstheoretikern gemeinhin als das Geburtsjahr der modernen Argumentationstheorie und -analyse. In jenem Jahr erschienen Stephen E. Toulmins Studie The Uses of Argument und der Traité de l'argumentation von Chaïm Perelman und Lucie Olbrechts-Tyteca, die, unabhängig voneinander, versuchten, Argumentation anders denn als (formal-)logisches (v.a. deduktives) Schließen von Prämissen auf eine Konklusion vermittels einer gültigen Schlußregel zu konzeptualisieren. Der Weg, den die Argumentationstheorie in der Folge dieser Arbeiten genommen hat, ist großteils der zu einer Sicht auf Argumentation als auf ein soziales Phänomen, in dem Sprecher und Hörer einen wichtigen Platz einnehmen und dessen Schlußregeln nicht zuerst auf gültige formale Schemata zurückzuführen sind, sondern darauf, daß sie von den an der Argumentation Beteiligten als für diese Argumentation geltend anerkannt werden. Nach einer (zumindest in Deutschland) vielzitierten Definition von Klein besteht Argumentation darin, "mit Hilfe des kollektiv Geltenden etwas kollektiv Fragliches in etwas kollektiv Geltendes zu überführen" (Klein 1980:19). Das kollektiv Fragliche ist die Konklusion, die durch die Argumentation zu plausibilisieren ist. Das kollektiv Geltende, mit dessen Hilfe das kollektiv Fragliche in kollektiv Geltendes überführt wird, sind die Prämissen, die Argumente, die diese Konklusion stützen können, weil sie selbst bereits nicht mehr fraglich sind.

Das ins Auge gefaßte Dissertationsvorhaben versucht nun, eine Art von Argumentation in den Blick zu nehmen, in der weder das Geltende noch das Fragliche kollektiv sind. Etwas deutlicher: Kleins Definition unterliegt die Annahme einer symmetrischen Situation; was für einen Argumentationsteilnehmer geltend oder fraglich ist, ist für alle geltend oder fraglich. Symmetrie nimmt auch das von Jürgen Habermas (1981) oder Josef Kopperschmidt (1980, 1989) vertretene Konzept einer (wenn auch kontrafaktisch unterstellten) idealen Sprechsituation an, in der die Beteiligten alle dieselben kommunikativen Rechte und Pflichten sowie einen jeweils äquivalenten Zugang zum vorhandenen Wissen haben.
Die derzeit wohl am weitesten ausgearbeitete Theorie der Argumentation, der pragma-dialektische Ansatz (bisweilen von deren Proponenten auch als Neue Dialektik bezeichnet) der Amsterdam Research Group on Argumentation um Frans H. van Eemeren und Rob Grootendorst, kennt eine Reihe von Prozeduren, die es den Argumentanten erlauben, eventuelle Asymmetrien während der argumentativen Auseinandersetzung zu symmetrieren (van Eemeren/Grootendorst 1984, 1992; van Eemeren, Grootendorst, Jackson und Jacobs 1993). Wie nun aber, wenn eine Kommunikationssituation Asymmetrien aufweist, die in keiner Weise symmetrierbar sind?

Diesen Fragen versucht die Arbeit, die aus dem Dissertationsvorhaben entsteht, sich zu stellen. Dabei wird davon ausgegangen, daß es sich nicht rechtfertigt, in asymmetrischen Kommunikationssituationen nicht von Argumentation zu sprechen. Ausschlaggebend dafür sind in erster Linie drei Gründe.

  1. Die notwendig nicht-ideale Kommunikation in asymmetrischer Situation wird nicht als eine defektive oder sonst minderwertige Art der Kommunikation aufgefaßt. Was zu pervertierter Kommunikation degenerieren kann (hier z.B. Scheinargumentation, da der Privilegierte Sanktionsmöglichkeiten hat, derentwegen er sich ohnehin nicht um die Argumente der anderen zu scheren braucht), wird nicht als genuin defektiv verstanden, weil es nicht notwendig degenerieren muß. (So in anderem Zusammenhang auch Govier (1995).)
  2. Argumentation wird nicht ausschließlich als Instrument der Konfliktschlichtung aufgefaßt. Dies ist ein Ort der Argumentation in der Kommunikation. Ebenso aber kann Argumentation als Instrument der Problemlösung auftreten, das eingesetzt wird, um mögliche Lösungen für Probleme oder Antworten auf Fragen kooperativ-kollaborativ zu entwickeln und zu evaluieren, wobei es weitgehend unerheblich ist, ob die Situation, in der dies geschieht, symmetrisch ist oder nicht. Argumentation wird daher (auch) als informationsverarbeitende Suchstrategie verstanden, die sich schwerlich als modular aus Einzelargumenten aufgebaut beschreiben läßt (gewissermaßen "bottom-up"), sondern eher als ein Ganzes, dessen Teile nicht immer trennscharf delimitierbar sind und deren Zusammenspiel in der Argumentation auf vielfältige Weise geschieht ("top-down") (Wohlrapp 1990, Volquardsen 1995, Mengel 1995, Hirsch 1989, Inbar 1995).
  3. Das Verständnis von Argumentation ist nicht das einer Textsorte/Gattung, sondern das einer Sprachverwendung, die auch außerhalb jener Textsorten/Gattungen vorkommen kann, die man intuitiv mit Argumentation assoziieren könnte. (Eine der Fragen, die in diesem Zusammenhang zu beantworten sind, ist, ob man mit Josef Kopperschmidt (1989) eine Trennung von informativer und argumentativer Sprachverwendung vornehmen sollte, oder ob Argumentativität als eine grundlegende Funktion der Sprache (im letztlich Bühlerschen (1934) Sinne) aufgefaßt werden sollte, wie Jean-Claude Anscombre und Oswald Ducrot (1983) oder Christian Plantin (1990) dies tun.)

Die Erkenntnisse über Argumentation als informationsverarbeitende Suchstrategie in asymmetrischen Situationen sollen auf deskriptive Weise aus dem zugrundegelegten Material gewonnen werden. Dieses Material sind Schüler/Lehrer-Dialoge als eine Form von auf vielfältige Weise hochgradig asymmetrischer Kommunikation. Die Asymmetrie, die in erster Linie interessiert, ist die der Wissensunterschiede von Lehrer zu Schüler. Das Material ist nicht, wie zu wünschen wäre, empirisch, sondern quasi-empirisch. Es handelt sich um in dialogischer Form verfaßte Lehrgespräche/Traktate aus der (Früh-)Scholastik (z.B. Anselm von Canterbury oder Honorius von Autun) sowie um dialogisch verfaßte popularisierende Texte aus dem späten 17. und frühen 18. Jh. (z.B. Fontenelle oder Jacques-Philippe Lallemant); der zugrundegelegte Dialog-Begriff ist also nicht etwa ein diskursanalytischer, sondern eher ein literaturkritischer. Ein Epochenvergleich ist nur sehr bedingt angestrebt, da die Dialoge nur exemplarisch herangezogen werden können; dennoch ist ausblickhaft die vergleichende Einbeziehung von (zumeist monologisch verfaßten) Lehrbüchern der heutigen Zeit vorgesehen. Die Beschränkung auf quasi-empirisches Material erklärt sich daher, daß so das rekonstruktive und damit interpretative Herangehen so gering wie möglich gehalten werden kann. Die vorzunehmenden Idealisierungen (Abstraktion von Störeinflüssen wie Unmotiviertheit der Schüler, Unaufmerksamkeit von Lehrer und/oder Schüler etc.) müssen hier nicht vom Analysierenden vorgenommen werden, sondern sind bereits von den Autoren der Dialoge vorgenommen worden.

Das Material besteht mithin aus «bereinigten» Gesprächen, die so nicht stattgefunden haben, nach Meinung der Autoren aber in kooperativer Atmosphäre so hätten stattfinden können. In der Überprüfung der an quasi-empirischem Material gewonnenen Erkenntnisse an empirischem Material besteht ein zweiter Schritt, den die Arbeit allerdings voraussichtlich nicht mehr wird leisten können.

Die Disparatheit der angeführten bibliographischen Referenzen, von denen das Dissertationsvorhaben Anregungen bezieht, hinsichtlich deren argumentationstheoretischen Schulen (welche den Kenner der Argumentationstheorie und -analyse erstaunen mag) zeigt, daß die Gewinnung von Erkenntnissen am zugrundegelegten Material in erster Linie nicht über die Bildung eines eignen theoretischen Rahmens geschehen soll, sondern durch kritische Überprüfung bereits bestehender und in vielem bewährter Theoriegebäude an diesem Material. Die Arbeit fühlt sich daher nicht einer bestimmten Schule in besonderer Weise verpflichtet, sondern versucht, ohne Berührungsängste bei einer Reihe von ihnen zu lernen. Es kann jedoch nicht geleugnet werden, daß das grundlegende Verständnis von Argumentation deutlich von den (zumeist pauschal so qualifizierten) rhetorischen Ansätze in der Folge von Chaïm Perelman und Lucie Olbrechts-Tyteca beeinflußt ist.

Bibliographie:


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paginam hanc fecit W.R.