Stefan Pfänder



Persönliche Daten

Stefan Pfänder wurde 1969 in Gelsenkirchen geboren. Von 1990-1995 Studium der Fächer Romanistik, Geschichte, Ostslawische Philologie an der Albert- Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau. 1992/93 Studium der Französischen Literatur-und Sprachwissenschaft (Lettres Modernes) in Aix-en-Provence. 1990-1995 Förderung durch die Studienstiftung. Seit 1995 Promotionsstudiengang in Französischer Sprachwissenschaft in Freiburg. Abschlüsse: 1993 Licence (Aix-Marseille I), 1995 Staatsexamen (Freiburg).

Derzeitiger Status: Doktorand an der Universität in Freiburg i.Br., seit Oktober 1996 zugleich Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl von Ralph Ludwig in Halle. Die Betreuer des Promotionsvorhabens sind: Ralph Ludwig (Martin-Luther-Universität Halle/Wittenberg) und Wolfgang Raible (Freiburg). .
Thema der Doktorarbeit: "Tempus und Aspekt im Kreolischen Französisch Guyanas und Martiniques"

Kreolsprachen

Französische Kreolsprachen sind in der Kolonialzeit im mehrsprachigen Spannungsfeld europäischer, afrikanischer und indigener Idiome entstandenen und werden heute im Indischen Ozean (Seychellen, Mauritius, Rodrigues, Réunion) und in der Karibik (Louisiana, Haïti, Guadeloupe, Martinique, St. Lucia, Französisch-Guyana) gesprochen. Kreolsprachen sind also vergleichsweise junge Sprachen, die vor etwa 300 Jahren auf bisher noch kaum geklärte Weise aus dem Verständigungsbedürfnis hervorgingen, das zwischen europäischen Siedlern und Kolonialherren, afrikanischen Sklaven oft sehr unterschiedlicher (sprachlicher) Herkunft und der <indigenen> Bevölkerung einiger Kolonialgebiete bestand. Im Unterschied zu sog. Pidgins dienen Kreolsprachen nun nicht in spezifischen Sprechsituationen (Handel/Befehle u. ä.) dem rudimentären Austausch, sondern sind vollständige sprachliche Systeme, die zur ersten Sprache ("Muttersprache") einer Gemeinschaft werden. Diese Sprachen sind in verschiedener Hinsicht für die linguistische Forschung sehr interessant, u. a. aufgrund der Annahme, daß in ihnen Entwicklungen, die auch in anderen Sprachen bekannt sind, besonders schnell ablaufen - und daher gut zu beobachten sind.
Die Fragestellungen des Promotionsprojekts

Während in französischen Kreolsprachen die Herkunft vieler Elemente der Lexik aus französischen Varietäten des 17. und 18. Jahrhunderts herzuleiten ist, bestehen ausgesprochen große Unterschiede zwischen Kreolisch und Französisch im Ausdruck der Zeit mittels der grammatikalischen Kategorien Tempus (vor-gleich-nachzeitig etc.) und Aspekt (abgeschlossen-im Verlauf etc.). Hier wäre also eine Untersuchung im Bereich der Kreolsprachen von Interesse, die vier Leitfragen folgen kann:
  1. Für die romanischen Sprachen ist bekannt, daß die <Randzonen> (Iberische Halbinsel, Rumänien) eine ältere Entwicklungsstufe innerhalb der Romania abbilden (<näher> an lateinischen Varietäten). Überträgt man die Annahme, daß eine Randzone einen konservativeren Sprachstand spiegelt, auf die atlantischen Kreolsprachen, so müßten die Sprachen Louisianas und Französisch Guyanas untersucht werden. Zur Überprüfung dieser Hypothese war jedoch für Guyana bisher nur sprachliches Material aus der Hauptstadt Cayenne verfügbar, das sich durch den permanenten Kontakt mit anderen Kreolsprachen und dem Französischen zur Untersuchung nicht eignet. Aufgrund eines Forschungsaufenthaltes 1995 liegen nun in Freiburg 80 Stunden Aufnahmen vor, die die Grundlage für ein Korpus des Kreolischen bilden, das in den verkehrstechnisch schwer zugänglichen Regenwald- und Savannengemeinden Französisch Guyanas gesprochen wird. Das neue Material ermöglicht die erstmalige Beschreibung des Tempus-/Aspektsystems dieses Kreols und die Überprüfung der Hypothese, in Französisch Guyana (wie in der Randromania) sei eine konservativere Sprachstufe anzutreffen als im Zentrum (Martinique etc.). Erlauben die Ergebnisse dieser Untersuchungen Rückschlüsse auf die Genese der atlantischen Kreolsprachen?
  2. Wenn Zeit in Kreolsprachen in den meisten Fällen mit der grammatischen Kategorie Aspekt ausgedrückt wird, scheint die Semantik der Verben die Wahl des Aspektes zu beeinflussen, während die Semantik bei Sprachen mit primären Tempussystem kaum eine Rolle spielt. Steht dies im Zusammenhang mit der größeren Ikonizität oder Natürlichkeit von Kreolsprachen?
  3. Kreolsprachen wurden bisher vor allem gesprochen. Dies gilt nicht mehr für den Staat der Seychellen (Kreolisch ist offizielle Sprache) und immer weniger für die Kleinen Antillen (Schulunterricht, Radiosendungen und literarische Produktion teils auf Kreolisch). Besteht ein Zusammenhang zwischen der am Korpusmaterial beobachteten Veränderung des Tempus-/Aspektsystems und der zunehmenden Schriftlichkeit?
  4. Besonders seit den Forschungen der Schule Jean Piagets wurde beobachtet, wie sich die Sprache des Kindes entwickelt: offensichtlich ist den Kindern verschiedener Muttersprachen gemein, daß sie im Laufe des Spracherwerbs die Kategorie Aspekt vor der Kategorie Tempus erwerben. Entwickeln sich also diese Sprachen nach einem dem Spracherwerb des Kindes ähnlichen Muster?

Kurzbibliographie

HAZAËL-MASSIEUX, Guy, 1990: "Le guyanais et les créoles atlantiques
à base française", in: Etudes Créoles XIII, 2, 95-112.

HAZAËL-MASSIEUX, Marie-Christine, 1990: "Langage de l'enfant, langage de l'adulte", in: Rééducation Orthophonique, vol. 28, septembre 1990, no. 163, 325-339.

LUDWIG, Ralph, 1996: Kreolsprachen zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit: zur Syntax und Pragmatik atlantischer Kreolsprachen auf französischer Basis, Tübingen, Narr (ScriptOralia, 86).

PFÄNDER, Stefan, 1996 : Corpus de textes créoles guyanais et martiniquais (créole-français), Freiburg (manuscrit).

RAIBLE, Wolfgang, 1990: "Types of tense and aspect-systems", in : BECHERT, Johannes, BERNINI, Giuliano & BURIDANT, Claude (Éd.) : Towards a Typology of European Languages,, Berlin/New York, de Gruyter (Empirical Approaches to Language Typology, 8), S. 195-214.
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paginam hanc fecit W.R.