Sybille Paulus
Lugostraße 14
D-79100 Freiburg

e-mail: paulussy@mail.uni-freiburg.de

Zur Person und zum wissenschaftlichen Werdegang

WS 1987/88 bis WS 1992/93 Übersetzerstudium in Mainz/Germersheim (Französisch, Spanisch, Italienisch; Sachfach Technik). WS 1989/90 Studium in Poitiers. Diplomarbeit "Willard Van Orman Quines Kritik am logischen Empirismus und die Quine-Carnap-Kontroverse um 'Analytizität' und 'Bedeutung'" (Jörn Albrecht, Lehrstuhl für Allgemeine Sprachwissenschaft).

SS 1993 bis SS 1996 Magisterstudium in Freiburg (Italienisch, Französisch, Philosophie). Magisterarbeit "Die Sprache bei Giambattista Vico". 2/94 bis 12/96 Forschungsarbeit als wissenschaftliche Hilfskraft im SFB "Übergänge und Spannungsfelder zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit" (Projekt "Wissensvermittlung in der Scholastik", Klaus Jacobi, Philosophisches Seminar II).

Weitere Sprachen: Graecum, Ungarisch.
Seit 1995 Übersetzungen aus dem Italienischen und Französischen für das Reallexikon der Antike "Der Neue Pauly" (Stuttgart 1996-).

Das Dissertationsprojekt wird finanziert von der Studienstiftung des deutschen Volkes.


Dissertationsprojekt:
Texttraditionen und Textsorten beim Übergang vom Lateinischen zum Italienischen als Sprache wissenschaftlicher Diskurse am Beispiel der Astronomie und Meteorologie
Kurzfassung

Der Übergang von der mittelalterlichen Universalsprache Latein zum Italienischen als Sprache wissenschaftlicher Diskurse wird für die Bereiche Astronomie und Meteorologie im 16. und 17. Jh. aus textlinguistischer Perspektive untersucht. Zwei Fragenkomplexe stehen im Zentrum:

1. In welchem Maß bleiben Texttraditionen, als die Wissenstraditionen in der Scholastik häufig vorliegen, in der Volkssprache bestehen, in welchem Maß wird Wissen neu geordnet?

2. In welchem Maß wird das großenteils im Rahmen des universitären Lehrbetriebs entstandene Textsorteninventar der Scholastik in die Volkssprache übernommen, in welchem Maß werden neue Darstellungsformen entwickelt?

Die Untersuchung bezieht die im 16. und 17. Jh. weiterbestehende lateinische Tradition ein; besondere Aufmerksamkeit gilt der Rolle der Tatsache, daß sich die volkssprachlichen Texte an ein neues Lesepublikum richten, sowie expliziten metatextuellen Äußerungen der Autoren.

Ab dem Spätmittelalter werden wissenschaftliche Texte nicht mehr nur in der scholastischen Universalsprache Latein, sondern zunehmend auch in den verschiedenen europäischen Volkssprachen verfaßt. In Spanien setzt diese Entwicklung bereits im 13. Jahrhundert ein, in Frankreich im 14. Jahrhundert, in Italien größtenteils erst später. Bis die Diskurstraditionen der Wissenschaft ganz in die Volkssprache übergegangen sind, vergehen Jahrhunderte.

Die geplante Dissertation untersucht den Übergang vom Lateinischen zum Italienischen als Sprache wissenschaftlicher Diskurse für die Bereiche Astronomie und Meteorologie im 16. und 17. Jahrhundert. Die Untersuchung erfolgt aus textlinguistischer Perspektive, wobei zwei Fragenkomplexe im Zentrum stehen:

  1. Wissenstraditionen koinzidieren in der Scholastik häufig mit Texttraditionen. Bestimmte Wissensgebiete werden über kanonische Texte definiert, die immer wieder kommentiert, zusammengefaßt oder auf andere Weise 'umcodiert' werden. In welchem Maß bleiben solche Texttraditionen in der Volkssprache bestehen, in welchem Maß wird Wissen neu geordnet?

  2. Die Scholastik verfügt über ein Textsorteninventar, das großenteils im Rahmen des universitären Lehrbetriebs seit dem 13. Jahrhundert in teilweise sehr festgelegten Formen entwickelt wurde. In welchem Maß wird dieses Textsorteninventar in die Volkssprache übernommen, in welchem Maß werden neue Darstellungsformen entwickelt?

Darüber hinaus wird gefragt, welche Gründe für die vorgefundenen Entwicklungen sich erkennen lassen. Besondere Aufmerksamkeit gilt hier der Tatsache, daß sich die volkssprachlichen Texte an ein neues, des Lateinischen unkundiges und den Universitäten fernstehendes Lesepublikum richten.

Mit dem Einsetzen einer Tradition volkssprachlicher Diskurse bricht die lateinische Tradition nicht ab, sondern besteht zunächst noch sehr lebendig weiter. Ein sinnvoller Vergleich zwischen 'alten' lateinischen und 'neuen' italienischen Diskurstraditionen muß die weiterbestehende lateinische Tradition einbeziehen, um spezifisch volkssprachliche Entwicklungen von allgemeinen, lateinische wie italienische Texte betreffenden Veränderungen unterscheiden zu können.

Von besonderem Interesse für alle genannten Fragestellungen sind explizite metatextuelle Aussagen der Autoren. Solche Aussagen, die häufig in Vorworten untergebracht sind, geben nicht nur über damalige Wahrnehmungen von Texttraditionen und Textsorten Aufschluß, sondern thematisieren beispielsweise auch die Verwendung des Italienischen anstelle des Lateinischen oder Stilfragen.

Die Arbeit versteht sich als Beitrag sowohl zu einer Geschichte des Italienischen als Wissenschaftssprache, die sich bislang vor allem mit dem allmählichen Vordringen des Italienischen in die Domänen des Lateinischen sowie mit der Entwicklung der wissenschaftlichen Terminologie befaßt und textlinguistische Fragen allenfalls gestreift hat, als auch zu einer Textlinguistik, die lange systematisch gearbeitet hat und ihre Aufmerksamkeit erst in jüngster Zeit auch historischen Korpora widmet.


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