Barbara Frank


Habilitationsprojekt

Zur Entwicklung und Ausdifferenzierung volkssprachlicher Textsorten in der Romania (800-1350)


Übersicht
Die in Arbeit befindliche Habilitationsschrift versteht sich als Beitrag zu einer pragmatischen Sprachgeschichtsschreibung. Ihr Ziel ist die Beschreibung der Entstehung und Veränderung volkssprachlicher Textsorten im Mittelalter als wesentlicher Teil des Prozesses, in dem sich romanische Schriftkulturen entwickeln. Der untersuchte Zeitraum erstreckt sich von den ersten vereinzelten Verschriftlichungsversuchen im 9./10. Jahrhundert bis zur Ausbildung romanischer Textsorten-Systeme im 13. und 14. Jahrhundert.

Ausgangspunkt der Untersuchung ist die volkssprachliche Schriftlichkeit, wie sie heute in handschriftlicher Überlieferung zugänglich ist. Damit wird bewußt die spekulative Rekonstruktion einer verlorenen mündlichen Textpraxis vermieden. Der Beschränkung auf die Analyse schriftlicher Textsorten steht die Ausweitung der Untersuchung auf alle schriftlichen Äußerungsformen gegenüber: es wird das gesamte Spektrum volkssprachlicher Schriftproduktion erfaßt, literarische, religiöse und wissenschaftliche Texte ebenso wie Schriftzeugnisse von sehr begrenztem kommunikativem Radius (Notizen, Glossen, Federproben).

Die Untersuchung erfaßt die romanischen Textsorten des Mittelalters in ihrem lebensweltlichen Kontext. Dabei werden Textklassifikationen und -bewertungen mittelalterlicher Autoren und Kopisten ebenso berücksichtigt, wie die Verwendungskontexte einzelner Textsorten, wie sie aus den Überlieferungsträgern erkennbar werden. Für die Analyse der kon- kreten gesellschaftlichen Bedingungen und der kulturellen Traditionen, die beim Textsortenwandel maßgeblich waren, wird die Entwicklung exemplarischer Textsorten jeweils als Fallbeispiel herangezogen.

Ein wichtiges Ergebnis der Untersuchungen des Freiburger Sonderforschungsbereichs Übergänge und Spannungsfelder zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit ist die Feststellung, daß die Verschriftlichung einer Sprache nicht allein die Verwendung eines neuen Mediums bedeutet, sondern auch weitreichende Konsequenzen für die konzeptionelle Seite der betreffenden Sprache hat. Denn mit der Verschriftlichung einer Sprache geht normalerweise ein Ausbau des betreffenden Sprachsystems einher [Koch/Oesterreicher 1994]. Dieser Ausbau läßt sich an der Entwicklung schriftlicher Texstsorten beobachten. Dabei handelt es sich nicht allein um eine quantitative Erhöhung der Anzahl von Texten, sondern um eine Erweiterung des Textsortenspektrums im distanzsprachlichen Bereich [Koch/Oesterreicher 1994; Raible 1994]. Für die romanischen Volkssprachen im Mittelalter ist zusätzlich zu dieser allgemeinen Feststellung zu berücksichtigen, daß der Verschriftlichungsprozeß in einer gesellschaftlichen Situation stattfindet, die neben einer vorwiegend auf Mündlichkeit beruhenden Kultur der Laien auch über die bereits vollständig ausgebildete lateinische Schriftkultur des Klerus verfügt. Mit der Aneignung der Schrift treten die Volkssprachen in den Traditionsbereich der lateinischen Schriftpraxis ein, die bereits ein festes Gefüge von Textsorten vorgibt. Die traditionelle Verwendung lateinischer Textsorten in bestimmten Bereichen des täglichen Lebens bildet daher zunächst den Rahmen auch für volkssprachliche Schriftlichkeit. Das lateinische Textsortenspektrum liefert den Volkssprachen ein potentielles Nutzungsreservoir bestehender distanzsprachlicher Textmodelle. Die lebensweltliche Praxis, in der die lateinischen Textsorten des Mittelalters verankert sind, deren Ausdruck sie sind und die sie gleichzeitig bestimmen, ist gleichermaßen in allen Regionen präsent, in denen romanische, aber auch andere westeuropäische volkssprachliche Idiome gesprochen werden. Im Hinblick auf das lateinische Textsortenspektrum läßt sich daher der Gesamtbereich der mittelalterlichen Romania als Teil der mittelalterlichen europäischen Gesellschaft mit einer gemeinsamen schriftkulturellen Praxis zusammenfassen.

Ausnahmen bilden die geographischen 'Ränder' der mittelalterlichen Romania, in der nicht-lateinische Schriftpraxen die Ausgangsbasis für die Entwicklung volkssprachlicher Textsorten sind. Diese Gebiete (der mozarabische Teil der iberischen Halbinsel, der byzantinisch beeinflußte Teil Italiens) werden aus der Untersuchung ausgeklammert. Einen zweiten Rahmen für volkssprachliche Schriftlichkeit stellt das Gefüge von Textsorten der mündlichen Alltags- und Festtagspraxis dar. Dieses ist für uns heute nur noch indirekt zugänglich über verschiedene schriftliche Textsorten, deren orale Ursprünge an zahlreichen formalen und inhaltlichen Elementen noch erkennbar, jedoch in ihrer schriftlichen Existenzform bereits durch spezifisch schriftkulturelle Elemente überlagert sind. In diesem Spannungsfeld zwischen lateinischer Schriftlichkeit und volkssprachlicher Mündlichkeit vollzieht sich zwischen dem 10. und 14. Jahrhundert in den verschiedenen Regionen der Romania die Entwicklung und Ausdifferenzierung schriftlicher Textsorten.

Mit der Habilitationsschrift soll eine noch ausstehende Darstellung des sukzessiven Ausbaus schriftlicher Textsorten- Systeme in der mittelalterlichen Romania geleistet werden, die soziale und kulturelle Bedingungen des Wandels romanischer Idiome zu Standard- und Schriftsprachen aufzeigt. Es reiht sich ein in die Diskussion um eine pragmatische Neuorientierung der Sprachgeschichte, die mittlerweile von vielen Seiten gefordert wird [Cherubim 1980; Große/Neubert 1982; Schlieben- Lange 1983; Schank 1984; Steger 1984; Lerchner 1988; Schlieben-Lange 1991; von Polenz 1991; Erfurt 1992].

Theoretische Vorgaben

1. Textsortentheorie

In verschiedenen Systematisierungsversuchen zu Textsorten erklärt sich die Relevanz, die Textsorten für den Kommunikationsteilnehmer besitzen, dadurch, daß Textsorten eine mittlere Ebene darstellen zwischen konkreten, individuellen Einzelphänomenen und einer Ebene des Virtuellen, Abstrakten, Kollektiven. Diese mittlere Ebene kann man als vermittelnde Ebene betrachten und damit die Leistung von Textsorten für die Kommunikations-teilnehmer deutlich machen: Textsorten gehören auf die Ebene des Exemplarischen, das aus dem Einzelnen, Besonderen abgeleitet wird und dadurch als Modell zur Wahrnehmung und Einschätzung vieler weiterer 'Einzelheiten' und 'Besonderheiten' werden kann. Texte als Einzelexemplare (tokens) können als Orientierungshilfe für den Umgang mit anderen Texten herangezogen werden. Sie fungieren dann als Modelle (types), die es dem Kommunikationsteilnehmer ermöglichen, nach einem bestimmten, aus dem Einzeltext abgeleiteten Plan weitere Texte zu produzieren oder zu rezipieren. Textsorten lassen sich nun als bereits in der Sprachgemeinschaft konventionalisierte, mehr oder weniger fest an Kommunikationssituationen gebundene Modelle betrachten, die Produzenten und Rezipienten von Texten bewährte Lösungen für immer wiederkehrende kommunikative Probleme bieten [Brinker 1985:124]. Dabei üben sie einerseits einen gewissen Zwang aus (indem sie die Komplexität der Wirklichkeit in spezifischer Weise reduzieren und nur bestimmte Problemlösungsmöglichkeiten zulassen) und stellen gleichzeitig eine Entlastung dar (indem sie Routinisierungen ermöglichen) [Luckmann 1996]. Bezogen auf das Individuum sind Textsorten als kognitiv verankerte Schemata anzusehen; bezogen auf die Sprechergemeinschaft handelt es sich um ein kollektives Wissen [Schmidt 1994]. In Bezug auf ihre soziale und kulturelle Funktion können Textsorten schließlich verstanden werden als symbolische Ordnungen, die in Form kollektiven Wissens Kommunikation organisieren. Als Teil eines ganzen Netzes von Textsorten strukturieren sie damit in wesentlicher Weise den 'kommunikativen Haushalt' einer Gesellschaft [Luckmann 1988] und tragen als Teilsystem aller kulturellen Formen einer Gesellschaft zu deren Konstruktion von Wirklichkeit bei. Das einzene Individuum nimmt also mithilfe von Textsorten an der kollektiven Wirklichkeitserfassung teil (kollektives Gedächtnis) [Assmann/Assmann 1988; Schmidt 1994]. Da Textsorten maßgeblich an der sozialen Konstruktion von Wirklichkeit beteiligt sind, dürfen sie nicht völlig losgelöst von den lebensweltlichen Zusammenhängen, in denen sie wirksam sind, betrachtet werden. Vielmehr müssen sie im Hinblick auf die von ihnen bewältigten kommunikativen Bedürfnisse (kommunikative Funktionen, 'Sitz im Leben') und auf die durch sie geleistete Wirklichkeitskonstruktion (kommunikatives und kulturelles Gedächtnis) analysiert werden.

2. Textsorten-Konzepte und Textsorten-Bezeichnungen in der Kommunikation

Die alltags- wie fachsprachlich ungemein häufige Verwendung von Textsorten-Bezeichnungen zeigt, daß Sprachbenutzer bestimmte Orientierungen an Textsorten mit anderen teilen. Textsorten-Bezeichnungen müssen sich also auf überindividuelles Textsorten-Wissen beziehen. Während Textsorten-Konzepte als kognitive Schemata notwendig subjektabhängig sind, sind Textsorten-Bezeichnungen intersubjektiv wirksam und damit Bestandteile des kollektiven Wissens einer Sprechergemeinschaft. Aus diesen Überlegungen ergibt sich, daß wir über Textsorten-Bezeichnungen von Kommunikationsteilnehmern zwar nicht direkt auf kognitive Textsorten-Konzepte einzelner Individuen schließen können, daß sie aber Auskunft über das kollektive Textsorten-Wissen einer Kommunikationsgemeinschaft geben können. Auch wenn mittelalterliche Autoren und Kopisten Textsorten-Bezeichnungen verwenden, dann offensichtlich in der Erwartung, daß diese von ihren Lesern oder Hörern verstanden werden. Umgekehrt werden die Hörer und Leser mittelalterlicher Texte an den mit einem bestimmten Begriff bezeichneten Text bestimmte Hör- bzw. Lese-Erwartungen knüpfen. Die Untersuchung mittelalterlicher Textsorten-Bezeichnungen erlaubt daher eine Annäherung an das kollektive Textsorten-Wissen mittelalterlicher Kommunikationsteilnehmer. Methodisch kann sich die Habilitationsschrift an verschiedenen neueren Untersuchungen zur alltäglichen Praxis der Textsorten-Benennung orientieren [Fishelov 1991; Gülich 1986; Dimter 1981; Faigley/Meyer 1983, Raible 1996], aber auch an Untersuchungen zu 'folklore-genres' [Jakobson/Bogatyrev 1929; Hymes 1964; Dundes 1966; Ben-Amos 1976] und zur 'Ethnographie der Kommunikation' [Bergmann 1981; Bergmann/Luckmann 1995]. All diesen Arbeiten ist die Annahme gemeinsam, daß vorwissenschaftliche, 'bewußtseinseigene' Kriterien [Gauger 1970 und 1976] zur Klassifikation von Texten spezifische Rationalitätsmuster bilden, die sich mit denen der Wissenschaft nicht decken müssen, die aber dennoch strukturierte Ordnungen darstellen [Bergmann 1981, p. 11; Raible 1980:340ff.; Raible 1996]. Dieses von mittelalterlichen Textproduzenten und Rezipienten geteilte Textsorten-Wissen, seine Strukturierung oder 'latente Ordnung' [Jauß 1972:125] gilt es in einer Analyse aufzudecken.

3. Textsorten und Sprachwandel

Im Rahmen der Forschungen zum Thema Mündlichkeit und Schriftlichkeit sind in letzter Zeit zahlreiche medientheoretische Arbeiten vorgelegt worden, die die Bedeutung der Schrift für die Entwicklung bestimmter sozialer, kultureller und kognitiver Leistungen hervorgehoben haben [Havelock 1963; Goody/Watt 1969; Giesecke 1979; Ong 1982; Saenger 1982; Assmann/Assmann 1983; Illich/Sanders 1988; Clanchy 1993; Koch/Oesterreicher 1994]. Bei der Untersuchung historischer Fallbeispiele wird jedoch sehr schnell deutlich, daß nicht das schriftliche Medium an sich, sondern die jeweils historischen und kulturspezifischen Verwendungsweisen von Schrift in verschiedenen Lebensbereichen die Faktoren sind, die diese Entwicklungen auslösen. Die konkreten historischen Bedingungen des Ver- schriftlichungsprozesses einer Sprache lassen sich daher am besten beschreiben und erklären, wenn man die Herausbildungs- und Entwicklungsprozesse der verschiedenen schriftlichen Textsorten in ihrer lebensweltlichen Praxis untersucht. Die Habilitationsschrift schließt an neuere Auffassungen von Sprachgeschichte an, die sich von der traditionellen Trennung von 'interner' und 'externer' Sprachgeschichte distanzieren und den Sprachwandel in seinen pragmatischen Verwendungskontexten situieren [Schenker 1977; Sitta 1980; Große/Neubert 1982; Kallweit 1984; Schank 1984; Maas 1987; Schlieben-Lange 1991; von Polenz 1991]. Nach Coseriu (1974:98) sind die Bedingungen des Sprachwandels ausschließlich kulturell und funktionell. Sprachwandel beinhaltet stets die Ausbreitung sprachlicher Veränderungen, d.h. deren Weg zur von der Sprechergemeinschaft akzeptierten Spracherscheinung (Initialphase - Verbreitungsphase - Approbationsphase) [Schildt 1987:193]. Sprachwandel bedeutet also letztlich immer Normwandel [Bogatyrev/Jakobson 1929:901; Coseriu 1974:119; Große/Neubert 1982:7-10; Schank 1984:761]. Die konkrete Sprachpraxis, d.h. die interindividuelle Kommunikationstätigkeit, ihre historischen Bedingungen und Bedürfnisse und ihre Einbettung in spezifische kulturelle Traditionen, bildet die entscheidende Vermittlungsinstanz zwischen individuellen Neuerungen und deren kollektiver Sanktionierung in der sozialen Norm. Textsorten, verstanden als konventionalisierte und kulturell bestimmte Zugriffsweisen auf Wirklichkeit, die in der Kommunikation mit anderen ausgehan- delt, bestätigt und weitergetragen werden, spielen daher eine zentrale Rolle für die Verbreitung und kollektive Akzeptanz sprachlicher Neuerungen. Damit liefert die Textsorte das notwendige heuristische Bindeglied zwischen sprachexternen (sozialen, kulturellen) Faktoren und sprachinternen Wandelerscheinungen. Ihre Untersuchung erlaubt es, die im Kommunikationsakt beteiligten Instanzen, ihre sich im historischen sozialen Prozeß wandelnden Interessen und Bedürfnisse und ihre Entscheidun- gen für spezifische kulturelle Formen in die Beschreibung des Sprachwandels einzubeziehen und damit auch wesentliche Elemente zur Erklärung von Sprachwandelprozessen zu erhalten. Die Rolle der Textsorten für die Ausbreitung und Generalisierung sprachlicher Neuerungen beschränkt sich nicht allein auf die textsortenspezifische Verwendung neuer Wörter und Wortfelder sowie einer textsortenspezifischen Wortstellung [Schank 1984:762]. Vielmehr ist auch die Wahl einer bestimmten Sprachvarietät oder einer bestimmten Sprache historisch stets an Textsorten gebunden [Koch 1993:41]. Dieser Aspekt textsortenspezifischen Sprachwandels ist nun gerade für die Anfänge volkssprachlicher Schriftlichkeit im Mittelalter entscheidend. Denn die Frage, weshalb zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt in einer bestimmten Situation Volkssprache verschriftlicht wird, hängt von der Wahl der jeweiligen Textsorte ab und kann nur im Hinblick auf die spezifischen kommunikativen Bedürfnisse beantwortet werden, auf die diese Textsorte reagiert.

4. Die Untersuchung mittelalterlicher Textsorten

Sprachwissenschaftliche Versuche, die Gesamtheit der ältesten romanischen Textsorten außerhalb der Verengung des Blicks auf heutige Nationalsprachen in erklärenden Typologien zusammenzufassen, sind verhältnismäßig selten [Lüdtke 1964; Koch 1993]. Sie arbeiten bewußt mit ahistorischen universalsprachlichen Klassifizierungskriterien (Medium und Konzeption sprach- licher Äusserungen) und berücksichtigen nicht die diachrone Dimension, den Textsortenwandel. Dennoch sind sie für die Habilitationsschrift von besonderem Interesse, da sie das Augenmerk auf zahlreiche bis dahin von der Forschung vernachlässigte Bereiche der volkssprachlichen Schriftproduktion richten: die nähesprachlichen Kurztexte (Graffiti, Federproben, Schreiberbemerkungen), Listen und 'metasprachliche Texte' [Koch 1993], Textsorten, die eine sehr große Zahl von frühen romanischen Texten hervorgebracht haben. Traditionell bildet die Beschäftigung mit mittelalterlichen Textsorten eine Domäne der Literaturwissenschaft. Vor allem in den verschiedenen Arbeiten zum Grundriß der romanischen Literaturen des Mittelalters liegen inzwischen zahlreiche ausführliche Beschreibungen der Entwicklung einzelner Textsorten vor. Jedoch bleiben hier alle Textsorten ausgeklammert, die man der 'pragmatischen Schriftlichkeit' zuordnet [von Moos 1996]. Dasselbe gilt für die Überblicksartikel zu den deutschsprachigen Textsorten der verschiedenen Zeitabschnitte des Mittelalters [z.B. Kästner/Schirok 1984, Schwarz 1984]. Mit den erwähnten sprachwissenschaftlichen Typologisierungsansätzen gemeinsam ist den meisten literaturwissenschaftlichen Arbeiten die Betrachtung aus einer analytischen Außensicht, die die lebensweltliche Praxis, in der die Textsorten gestanden haben, und die Bedeutung, die sie für zeitgenössische Kommunikationsteilnehmer in der Alltagswelt hatten, weitgehend ausblendet.

Interessante Ansätze zur Einbeziehung der historischen Bedingungen, unter denen sich einzelne literarische Textsorten verändert haben, bieten die verschiedenen Arbeiten von Erich Köhler [v.a. Köhler 1963, 1972, 1977]. Methodisch schließt Köhler an das von den russischen Formalisten begründete und vom Moskauer und Prager Linguistenkreis weiterentwickelte Konzept des Gattungssystems an, das er erweitert um die Dimension der gesellschaftlichen Verhältnisse als System der Systeme. Nach Köhler stellt das Gattungssystem einen Teil des Gesellschaftssystems dar und entwickelt sich in Relation zu diesem. Veränderungen, die sich an einzelnen Textsorten erkennen lassen, führt Köhler daher auf Veränderungen in der mittelalterlichen Gesellschaft zurück.

Ein wissenschaftliches Programm zur Untersuchung mittelalterlicher Textsorten in ihren spezifischen historischen Bedingungen und Funktionen formulierte Hans Robert Jauß für den Grundlagenband des GRLMA [Jauß 1972]. Viele der methodischen Anregungen, die seine Arbeit bietet, konnte die Habilitationsschrift direkt aufgreifen:
  1. Eine Typisierung mittelalterlicher volkssprachlicher Texte, die versucht, die Textsorten in re [Jauß 1972:111], d.h. in ihren funktionellen kommunikativen Kontexten zu erfassen,
  2. Eine systematische Untersuchung der Auswahl und Anordnungen von volkssprachlichen Texten und Textsorten in Sammelhandschriften zur Aufdeckung der 'latenten Ordnung' volkssprachlicher Textsorten [Jauß 1972:125].
  3. Eine systematische Auswertung der Zeugnisse volkssprachlicher Autoren im Hinblick auf eine Rekonstruktion mittelalterlicher Typisierungspraxis [Jauß 1972: 125-127].

Methodisches Vorgehen


Zunächst geht es in der Habilitationsschrift um die Rekonstruktion der lebensweltlichen Praxis, in der volkssprachliche schriftliche Texte gestanden haben. Diese Rekonstruktion erfolgt zum einen über eine systematische Analyse der kodikologischen Evidenzen. Darunter ist in erster Linie die Auswahl und Anordnung von Texten und Textsorten in Sammel- handschriften (Überlieferungssymbiosen) zu verstehen, die seitengestalterischen Konventionen der Schreiber und die Hinweise auf Ort und Zeit der Kodex-Herstellung, auf Auftraggeber, Besitzer, sowie die verschiedenen an der Herstellung der Handschrift beteiligten Instanzen [Frank 1994]. Zum andern erfolgt die Rekonstruktion über die Auswertung textinterne Hinweise auf Textproduzenten, Kommunikationssituationen, Auftraggeber etc.

Einen zweiten Untersuchungsschwerpunkt bildet die Rekonstruktion der Orientierungen an Textsorten, die mittelalterlichen Produzenten und Rezipienten gemeinsam sind. Diese Rekonstruktion erfolgt über die Interpretation der Textsorten-Bezeichnungen und Textsorten-Bewertungen mittelalterlicher Autoren und Kopisten. Diese werden in ihrem jeweiligen textuellen Kontext interpretiert und im Hinblick auf die ihnen zugrundeliegenden Differenzierungskriterien systematisiert. Ziel der Systematisierung ist das Aufdecken der in der Texttypisierungs-Praxis innewohnenden Strukturen oder 'latenten Ordnungsmuster' und deren Veränderungen über den beobachteten Zeitraum hinweg.

Eine diachrone Dimension erhalten diese Untersuchungen automatisch durch die z.T. erheblichen zeitlichen Abstände, die zwischen der Produktion/Komposition der Texte und der Niederschrift der erhaltenen Kopien liegt.

Im Anschluß an die rekonstruierenden Analysen wird die Frage nach den historischen Bedingungen (kommunikativen Bedürfnissen) und nach der Wahl kultureller Formen gestellt, die bei der Herausbildung und Weiterentwicklung volkssprachlicher Textsorten maßgeblich waren. Diese Frage wird in der vertieften Analyse exemplarischer Textsorten und ihrer Veränderungen beantwortet. Dabei werden nicht nur die einzelnen Exemplare einer Textsorte untersucht, sondern auch die spezifischen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Bedingungen berücksichtigt, die bei der Entstehung bzw. Entwicklung der betreffenden Textsorten maßgeblich waren. Ziel dieses Analyseschrittes ist das Herausarbeiten der spezifi- schen historischen Bedingungen und Mechanismen des Textsortenwandels.

Eine abschließende Synthese aller erarbeiteten Erkenntnisse und eine analytische Gegenüberstellung der rekonstruierten 'Innensicht' mittelalterlicher Textsorten-Benutzer mit der analytischen 'Außensicht' auf längerfristige Entwicklungen kann abschließend allgemein und metahistorisch gültige Bedingungen und Mechanismen des Textsortenwandels aufdecken.


Weiter zum Literaturverzeichnis

paginam hanc fecit W.R.