Claudia Riehl

Habilitationsprojekt

"Schreiben im Sprachkontakt - dargestellt an den deutschsprachigen Minderheiten in Südtirol und Ostbelgien"



1. Projektskizze

In dem Habilitationsprojekt sollen in verschiedenen Konstellationen von Zweisprachigkeit mit Deutsch als Erstsprache (exemplarisch in Südtirol und in Ostbelgien) Strategien der Versprachlichung erfaßt werden, die beim Verfassen von Texten angewandt werden. Dabei soll sowohl die Verankerung dieser Strategien in einer allgemeinen Theorie als auch ihre spezifische Ausprägung aufgrund der besonderen soziolinguistischen Situation beschrieben werden. Es soll auf Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen primär und sekundär zweisprachigen Sprechern einerseits und den beiden Minderheitengruppen andererseits eingegangen werden. Daraus sollen mögliche bildungspolitische und didaktische Konsequenzen abgeleitet werden.

Die Arbeit beruht weitgehend auf einer empirischen Analyse der sprachlichen Umsetzung bestimmter Vorlagen bzw. Vorgaben bei zweisprachigen bzw. in zweisprachigen Gemeinschaften aufgewachsenen Schülern im Vergleich zu einsprachigen. Das Corpus besteht aus Texten zu vier verschiedenen Vorlagen (Bildergeschichte, Collage, Gebrauchsanweisung, Umfrage), die Schüler aus den drei oberen Jahrgangsstufen verschiedener Oberschulen verfaßt haben, zunächst auf deutsch und zeitversetzt in der Zweit- bzw. Landessprache.

Bei der Auswertung der Texte wurde darauf geachtet, welche Bandbreite an verschiedenen Vertextungstypen sich ergibt, in welchen Bereichen am ehesten Abweichungen zwischen primär und sekundär zweisprachigen Schülern einerseits und einsprachigen Schülern andererseits auftreten, ob die Unterschiede aus dem Kontakt mit der Zweitsprache herrühren oder aus dem Kontakt mit anderen Sprachsystemen stammen, ob bei den unterschiedlichen Textvorlagen unterschiedlich große Differenzen auftreten und worin sich die beiden Minderheitengruppen voneinander unterscheiden bzw. wo von gemeinsamen, für die Sprachkontaktsituation typischen Erscheinungen gesprochen werden kann.

2. Konzeption der Arbeit

1. In einem ersten Kapitel soll in die Problematik und Aktualität des Themas eingeführt werden. Danach werden die Untersuchungsgebiete vorgestellt und der Versuchsaufbau dargelegt.

2. In einem zweiten Kapitel werden die Grundlagen des Schreiben expliziert. Dabei werden zunächst der Stand der Forschung und die Modelle vorgestellt und der der Arbeit zugrundeliegende Textbegriff erläutert. Im Anschluß daran sollen die Rahmenbedingungen des Schreibens in Anlehnung an die kognitive Schreibforschung (situative Gegebenheiten, Adressat und soziale Erwartung, Motivation) sowie die Wissensbestände (Konzeptionswissen, Weltwissen, Realisierungswissen, Routinewissen) aufgeführt werden. An dieser Stelle werden die Einflüsse des Kulturkontakts und die Möglichkeit kulturspezifischer Wissensbestände diskutiert und es wird auf die zu erwartenden Auswirkungen des Sprachkontakts auf das sprachliche Realisierungswissen eingegangen. Schließlich soll auf die Komponenten des Schreibprozesses (Planen, einzelsprachliche Realisierung und Überarbeiten) verwiesen werden, wobei auch hier diskutiert wird, wo der Sprachkontakt den Schreibprozeß beeinflussen kann.

3. Das dritte Kapitel soll sich mit der eigentlichen Corpusanalyse beschäftigen, wobei zunächst die Texttypen charakterisiert werden. Die Analyse schließt sich weitgehend an die Konzeption von Heinemann/Viehweger an, die verschiedene Typisierungsebenen unterscheiden. Da die Textfunktion und -situation in der Testsituation identisch sind, werden nur die Verfahrenstypen, Textordnungsmuster und Formulierungsmuster analysiert. Die einzelnen Makrostrukturtypen, die für die jeweiligen Textvorlagen gewählt werden, werden zunächst vorgeführt. Im Anschluß daran werden die prototypischen Vertextungsmuster und die Typenpräferenzen in den jeweiligen Gruppen diskutiert. Daraufhin wird auf Unterschiede an der sprachlichen Oberfläche, die sich in den textsortenspezifischen Formulierungsmustern äußern, eingegangen. Die Analyse soll schließlich abgerundet werden durch sogenannte Schülerprofile, d.h. Einzelfallstudien anhand von Texten in L1 und L2, Fragebögen und Interviewaussagen einiger ausgewählter Schüler. Hier sollen besonders typische Fälle primär einsprachiger denen primär zweisprachiger Schüler gegenübergestellt werden, um die Ergebnisse der Analyse zu illustrieren.

4. Ein viertes Kapitel konzentriert sich auf die Auswertung und Bewertung der Texte in der Zweitsprache. Es soll dargestellt werden, ob die Schüler auf die gleichen Vertextungsstrategien zurückgreifen wie im Deutschen oder diese variieren. Es sollen entsprechende Erklärungsmuster dafür gefunden werden. Desweiteren soll die sprachliche Realisierung bei primär und sekundär Zweisprachigen genauer analysiert und im Kontext der Zweisprachigkeitsforschung beleuchtet werden.

5. Im fünften Kapitel sollen dann die Erklärungsmuster für die Typenpräferenzen, die Einflüsse der Kontaktsprache und die Unterschiede zwischen den Sprachgruppen aufgeführt werden. Hier werden auch die Daten aus den Interviews und die Ergebnisse der statistischen Auswertung der Fragebögen eingearbeitet.

6. In einem sechsten Kapitel schließen sich didaktische Empfehlungen an, die sich im wesentlichen auf die in den Workshops mit den Lehrern gewonnenen Entwürfe stützen, darüber hinaus noch Überlegungen des Konzeptes der integrierten Sprachdidaktik und der Sprachbewußtheits-Forschung (vgl. u.a. die Beiträge in OBST 20 und 40 und das Themenheft der Zeitschrift <Der Deutschunterricht> 4/1994) miteinbeziehen.

3. Didaktische und bildungspolitische Ziele der Arbeit

1. In den Minderheitengruppen soll die Einsicht geschärft werden, daß für die Förderung der deutschen Sprache unbedingt wichtig ist, daß bereits bei den Schülern ein Sprachbewußtsein geschaffen bzw. ausgebaut wird.

2. Die Bedeutung der kontrastiven Einübung von Schreibplänen und Formulierungsmustern soll erkannt werden.

3. Die Wichtigkeit der institutionellen Einübung von Schreibplänen und -prozeduren v.a. bei Zweisprachigen muß unterstrichen werden.

4. Durch die Kontrastierung der beiden Sprachkontaktgebiete soll deutlich werden, daß bestimmte Phänomene für zweisprachige Gemeinschaften allgemein gelten oder aber für den deutsch-romanischen Sprach- und Kulturkontakt typisch sind und daher auch gemeinsame didaktische Konzepte erarbeitet werden können.

5. Es soll erkannt werden, daß die kulturelle Abschottung vom sprachlichen "Mutterland" eine Eigenentwicklung nach sich zieht, die zur Ausbildung einer eigenen Regionalsprache, bei fehlender Kodifizierung aber auch zu Sprachwechsel führen kann.


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