Claus D. Pusch, Wolfgang Raible

Hauptseminar:
ModalitŠt und EvidentialitŠt in den romanischen und anderen Sprachen

Unter "ModalitŠt" versteht man eine semantisch-pragmatische Kategorie, die die Einstellung des Sprechers zur Geltung seiner Aussage betrifft: der Sprecher bringt dabei zum Ausdruck, wie er das von ihm Gesagte verstanden haben will, ob und inwieweit er bereit ist, dafźr kommunikative Regresspflicht zu źbernehmen. Insofern ist ModalitŠt eine fźr das erfolgreiche Kommunizieren zentrale und linguistisch źberaus interessante Kategorie.

Das Problem ist nun aber, dass ModalitŠt -- in diesem weiten VerstŠndnis -- auf sehr unterschiedliche Weise zum Ausdruck gebracht werden kann: auf morphologischer Ebene durch die Verbalmodi -- Indikativ, Konjunktiv --; auf syntaktischer Ebene durch umschreibende Syntagmen, sog. Periphrasen; auf diskursiv-textueller Ebene durch die klassischen Satzmodi -- Frage, Aufforderung etc. -- und, wie zum Beispiel im Deutschen sehr hŠufig, durch unflektierte Diskursmarker, sog. Modalpartikeln.

Dabei weisen diese Enkodierungsoptionen fźr ModalitŠt unterschiedliche Grade an Grammatikalisierung bzw. pragmatischer Verfźgbarkeit auf; zugleich bieten nicht alle Einzelsprachen dasselbe Inventar an formalen Ausdrucksmšglichkeiten fźr ModalitŠt (wŠhrend "ModalitŠt" als universelle semantisch-pragmatische Kategorie betrachtet werden darf).

Eine besondere Subkategorie der ModalitŠt, die in den letzten Jahren intensiv erforscht und diskutiert wurde, ist die EvidentialitŠt. Sie zeigt an, woher der Sprecher sein Wissen hat: der Sprecher gibt -- in klassischen EvidentialitŠtssystemen -- z.B. an, ob er das, was er sagt, mit eigenen Augen gesehen, aus eigener Evidenz erschlossen oder nur aus zweiter Hand erfahren hat. EvidentialitŠt ist beispielsweise in den indigenen Sprachen Amerikas eine hŠufig morphologisch ausgedrźckte ModalitŠtskategorie, in europŠischen Sprachen gilt eine solche morphologisch-grammatikalisierte EvidentialitŠt als selten. Dennoch postulieren jźngere Forschungen die Existenz von EvidentialitŠtsmarkern auch z.B. in den romanischen Sprachen.

In diesem Seminar wollen wir uns mit ModalitŠt als diskursiver Kategorie, ihrem mehr oder minder grammatikalischen Ausdruck, dem VerhŠltnis von ModalitŠt und Modus und der speziellen Subkategorie der EvidentialitŠt vor allem in den romanischen Sprachen (inklusive der auf ihnen lexikalisch basierenden Kreolsprachen) befassen. Zugleich sollen aber auch -- zum Zweck der Veranschaulichung und des Vergleichs -- au§erromanische Sprachen in den Blick genommen werden, in denen ModalitŠt auf charakteristische, in der Romania nicht oder nicht im selben Ma§e anzutreffende Weise ausgedrźckt wird. Zur einfźhrenden und kursbegleitenden Lektźre wird empfohlen:

Palmer, Frank R. 22001: Mood and modality. Cambridge et al.: Cambridge University Press.

Narrog, Heiko 2005: "On defining modality again". Language Sciences 27, 165-192.

Rooryck, Johan 2001: "Evidentiality". Glot International 5, 125-133 und 161-168.

In diesem Seminar werden keine Referate gehalten. Am Montag oder Dienstag vor der betreffenden Sitzung macht die Referentin/der Referent das Textfile der Arbeit den Dozenten zugŠnglich. Die verschicken die Arbeit in einer .doc oder .rtf-Version per Mailing-Liste an alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer. (Zwei Exemplare werden auch bei Herrn Heinrich ausliegen). Die Arbeit muss vor der Sitzung von allen gelesen worden sein. Die Aufgabe der Referentin oder des Referenten besteht darin, die Sitzung und die Diskussion źber die eigene Arbeit zu leiten (ohne das Referat zu wiederholen!). Gewźnscht ist also Diskussion źber die schon von allen gelesene Vorlage. Die Zahl der Teilnehmer ist auf die Zahl der Themen beschrŠnkt. (Teilnahme au§er Konkurrenz ist mšglich).

Dieser Kurs wird als Hauptseminar sowohl fźr die Studierenden der Romanistik (alle StudiengŠnge) als auch des MA "European Linguistics" angeboten. Aus diesem Grund wird die Veranstaltung -- je nach sprachlicher PrŠferenz und Kompetenz der Teilnehmenden -- auf Franzšsisch, Englisch oder Deutsch abgehalten.

Die Voranmeldung in den Semester- oder Feriensprechstunden von Wolfgang Raible oder Claus D. Pusch wird dringend empfohlen.

Nr Datum Thema Referentin/Referent
1. 28.4.2006 Modus und ModalitŠt. Begriffsdefinitionen und Abgrenzung.  
2. 05.5.2006 "Root modality" - deontische ModalitŠt - epistemische ModalitŠt: zur Typologie modaler Werte  
3. 12.5.2006 ModalitŠt, Grammatikalisierung und Subjektivierung: das Beispiel der Modalverben im Englischen und in den romanischen Sprachen  
4. 19.5.2006 ModalitŠt und Pragmatik: Die Modalpartikeln des Deutschen und ihre Entsprechungen in den romanischen Sprachen  
5. 26.5.2006 Der romanische Subjunktiv: seine diachrone Entwicklung und die Diskussion um seinen Grundwert  
6. 02.6.2006 Der Subjunktiv in den heutigen romanischen Sprachen: diasystematische und textsortenspezifische Variation und syntaktische Automatisierung  
7. 16.6.2006 Modalisierung und Subordination. Das Beispiel der sog. parenthetischen Verben und strukturell verwandter Modalisierungsverfahren im komplexen Satz  
8. 23.6.2006 EvidentialitŠt und affine Konzepte (MirativitŠt, Surprisativ): Begriffsdefinition und Exemplifizierung anhand "reiner" (stark morphologisierter) Evidentialsysteme  
9. 30.6.2006 EvidentialitŠt im Romanischen: die modale Verwendung von Tempusformen, vor allem des Imperfekts und des Futurs  
10. 07.7.2006 EvidentialitŠt und LogophorizitŠt: die morphologischen Spezifika der Redewiedergabe und ihre modalisierende Dimension  
11. Sa. 08.7.2006 JournŽe d'Žtude  
12. 14.7.2006 ModalitŠt und PolaritŠt: Zusammenspiel von und Wechselwirkungen zwischen Modalverben und Negation im Romanischen  
13. 21.7.2006 Zusammenfassung der Seminarergebnisse.  
Nr Datum Thema Referentin/Referent


Au§er Konkurrenz nehmen teil: