Wolfgang Raible

Hauptseminar:
Die Genese unserer Erzählfähigkeit

Erzählen ist etwas, was wir und alle andren Menschen dauernd tun. Es kommt jemand von einer Reise zurück -- dann empfangen wir ihn mit "erzähl doch mal...". Die Mehrzahl der literarischen Gattungen und vor allem der einzelnen Texte auf diesem Sektor sind erzählend. Die Beschreibung des Sachverhalts in einem Gerichtsurteil heißt seit alters narratio oder grch. di(h)égesis , weil dort der Fall 'erzählt' wird.

Der Bedeutung entsprechend, die Erzählen für uns hat, werden Kinder ganz früh mit dem Erzählen vertraut gemacht. Wir erzählen ihnen Geschichten, lesen Märchen vor, Kinderbücher mit Erzählungen (es gibt Legionen davon), wir zeigen ihnen Bildergeschichten; sie haben Kassetten mit Hörspielen, CD's mit visuell unterstützten Erzählungen, DVD's mit Filmen, die ihrerseits wieder erzählen. All diese Arten des Erzählens sind deshalb schon für Kinder so wichtig, weil sie an diesen Texten -- an der Transgression und am positiven Beispiel -- lernen, was die Möglichkeiten und Regeln und Grenzen sozialen Verhaltens sind.

Entsprechend der Bedeutung, die Erzählen auf einer anthropologischen Ebene hat, lernen Kinder selbst schon sehr früh, wie man erzählt. Erst sind es nur ein oder zwei Sätze, dann werden die Kinder oft zu kleinen Plaudertaschen, die der Mutter, dem Großvater oder der Tante aufgeregt und ausführlich erzählen, was sie da und dort erlebt haben.

Hier setzt nun auch das Interesse der Forscher ein. Viele geben sich schon mit einzelnen Sätzen zufrieden und erwecken so den Eindruck, Kinder produzierten nur solche Einzelsätze. Dabei setzt der Gebrauch von Tempora bereits die Kombination von mindestens zwei Sätzen voraus. Interessant wird es aber vor allem, wenn man die kindlichen Erzählungen als Ganzes betrachtet und sich anschaut, wie sie aufgebaut sind. Erst hier wird deutlich, wie weit sich die sprachliche und mit ihr die Erzählfähigkeit entwickelt hat.

Seit zehn Jahren existiert hier eine vorzügliche Arbeitsbasis -- ein dickes Buch, das Ruth A. Berman von der Hebräischen Universität in Jerusalem und Dan Isaac Slobin von der University of California at Berkeley z.T. verfasst, z.T. ediert haben. Basis dieses Buchs ist die Bildergeschichte von einem kleinen Jungen mit Hund, der einen Frosch gefangen und in einem Glas untergebracht hat. Nachts entweicht der Frosch. Der größte Teil der Geschichte handelt davon, wie Junge und Hund den Frosch suchen und schließlich wieder finden. Titel des Buchs: Relating events in narrative : a crosslinguistic developmental study. Erschienen ist es 1994 in Hillsdale/NJ bei Erlbaum. Es wird untersucht, wie dieselbe Bildergeschichte von Kindern, die deutsch, englisch, spanisch, hebräisch und türkisch als Muttersprache haben, erzählt wird, und dies von jeweils 10 jungen Probandinnen und Probanden im Alter von 3, 4, 5, 9 und 20 Jahren. Die jeweiligen Produktionen sind voll zugänglich und herunterladbar im Kindersprach-Korpus CHILDES ( Child Language Data Exchange System ).

Eine solche Textbasis ist aus verschiedenen Gründen ideal gerade auch für Romanisten. 1. ist die sprachwissenschaftliche Romanistik immer schon ein Beispiel für das gewesen, was englisch heute 'crosslinguistic approach' heißt. Es gibt nicht nur das spanische Korpus, sondern auch ein sehr umfangreiches italienisches und in geringerem Umfang auch ein französisches (beide Sprachen sind im Buch von Berman/Slobin nicht berücksichtigt). 2. sieht man, dass nicht nur deutsche Studierende der Romanistik, sondern auch muttersprachliche Kinder gewisse sprachliche Schwierigkeiten haben und sie bis zu einem bestimmten Alter konsequent umgehen: das beste Beispiel ist der Gebrauch der Tempora in den romanischen Sprachen. 3. sieht man, dass für bestimmte Inhalte bestimmte einzelsprachliche Lösungen vorhanden sind, die es in anderen Sprachen nicht in dieser Form gibt. Für das Deutsche im Gegensatz zu romanischen Sprachen sind die Angabe der Ortsbefindlichkeit (sitzen auf, liegen in, hängen an etc.) und die Richtungsverben (heraussteigen / hinaussteigen etc.). 4. wird deutlich, dass parallel zum Erzählen eine bestimmte kognitive Entwicklung verläuft: sie ist die Ursache dafür, dass bestimmte Inhalte überhaupt erst ab einem bestimmten Alter ausgedrückt werden können. 5. lernt man, was in den einzelnen Sprachen und generell gutes Erzählen ausmacht.

In diesem Seminar werden keine Referate gehalten. Am Montag oder Dienstag vor der betreffenden Sitzung macht die Referentin/der Referent das Textfile der Arbeit dem Dozenten zugänglich. Der verschickt die Arbeit in einer .rtf-Version per Mailing-Liste an alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer. (Zwei Exemplare werden auch bei Herrn Heinrich ausliegen). Die Arbeit muß vor der Sitzung von allen gelesen worden sein. Die Aufgabe der Referentin oder des Referenten besteht darin, die Sitzung und die Diskussion über die eigene Arbeit zu leiten (ohne das Referat zu wiederholen!). Gewünscht ist also Diskussion über die schon von allen gelesene Vorlage. Die Zahl der Teilnehmer ist auf die Zahl der Themen beschränkt. (Teilnahme außer Konkurrenz ist möglich).

Anmeldung per e-mail und danach Besuch in der Sprechstunde

Zusammenfassung der Ergebnisse des Seminars

Nr Datum Thema Referentin/Referent

Grundlagen

1 23.04.2004 Welche Möglichkeiten bietet das Kindersprach-Korpus CHILDES und wie kann man damit arbeiten?  
2 30.04.2004 Die 'herrschende Lehre' zum Thema Spracherwerb und speziell zur Erzählfähigkeit in der Ontogenese. (Language Acquisition Device, Radical Construction Grammar etc.) Ingrid Hapke

Die kognitive im Spiegel der sprachlichen Entwicklung

  Verlegung wegen Vorstellungs-Vorträgen von Freitag 7.5.2004 auf Samstag 8.5.2004, 10-12
3 Samstag
8.5.2004
10-12
Wie sieht der Übergang von der frühen Phase, in der die Bilder der Geschichte nur nacheinander beschrieben werden, zu der Phase aus, in der sie verbunden und 'erzählt' werden? (am Beispiel mindestens einer romanischen Sprache, am besten im Vergleich mit einer anderen Sprache) Julia Pauli
4 14.5.2004 Wie stellen Kinder die (in der Geschichte zahlreichen) Fälle dar, in denen zwei Ereignisse oder Handlungen gleichzeitig stattfinden? (Beispiele aus mindestens einer romanischen Sprache.) Erica Giantin
5 21.5.2004 Wie entwickelt sich die Fähigkeit, einer Erzählung eine erkennbare Makrostruktur zu geben? (Beispiele aus mindestens einer der romanischen Sprachen.) Katharina Meier-Stiegen
6 28.5.2004 Welche Arten logischer Verknüpfung (temporal, kausal, konsekutiv, final, konzessiv) werden zwischen den einzelnen Sätzen / Episoden verwendet und in welchen Altersstufen treten sie erstmals auf? (Beispiele aus mindestens einer romanischen Sprache.) Bettina Kowalsky
  4.6.2004 Pfingstpause  

Unterschied in der Realisierung zwischen einzelnen Sprachen

7 11.6.2004 Unterschied im Tempusgebrauch und in der temporalen Strukturierung zwischen den Realisierungen in zwei oder drei Sprachen in einer bestimmten Altersstufe. (Hier empfehlen sich die neun- oder die 20-jährigen als Gruppe; äußerst interessant ist es, hier die gegensätzlichen Lösungen des Englischen und des Spanischen mit einzubeziehen). Julika Buff
8 18.6.2004 Wie werden Bewegungen und Lokalisierungen dargestellt? Hier soll eine romanische mit einer germanischen Sprache verglichen werden. (Wichtig ist die sprachliche Technik 'verb framed' [spezielles Verb wie monter, subir und descendre, bajar ] vs. 'satellite framed' [herauf / hinauf steigen, herunter / hinunter steigen].) Anna Campagna
9 25.6.2004 Wie werden Aktionsarten ausgedrückt? Wie entwickelt sich der Gebrauch von Aktionsarten? (Am Beispiel von mindestens einer romanischen Sprache.) Giulia Paglialonga
  Verlegung vom Freitag 2.7. auf Samstag 3.7.2004, 10-12 wegen eines Blockseminars
10 Samstag
3.7.2004
10-12
Welchen Gebrauch machen Kinder von Relativsätzen? Wie entwickelt sich dieser Gebrauch? Wie sehen die Relativierungs-Techniken aus? (Am Beispiel von mindestens einer romanischen Sprache im Vergleich mit einer anderen Sprache, z.B. Deutsch oder Englisch.) Ina Hohenhaus
11 9.7.2004 Welche Techniken der Präsentation und der Hervorhebung benützen Kinder? Wie entwickelt sich der Gebrauch? (Am Beispiel von mindestens einer romanischen Sprache.) Ingrid Hapke
12 16.7.2004 Ausfallerscheinungen: Erzählen bei Kindern mit Specific Language Impairment (SLI). Matthias Reinert
Nr Datum Thema Referentin/Referent


"Außer Konkurrenz" nehmen teil: Sarah Schimke, Dr. Marina Crespi-Günther, Nila Win