Wolfgang Raible

Hauptseminar:
Analyse argumentativer Texte

Im Alltagsleben wird permanent argumentiert. Vor Gericht, in der Politik, in der Erziehung, in der Wirtschaft, in der Werbebranche, in der Wissenschaft ohnehin. Dabei gibt es zwei Bereiche, die sich nur relativ wenig überschneiden: die Alltags-Argumentation mit Hilfe dessen, was Aristoteles in der 'Topik' Enthymeme nennt, und die logisch stringente Argumentation mit Hilfe von sicheren Ausgangssätzen und geregelten Schlussverfahren, also die Syllogismen.

Argumentiert wird in vielen Bereichen, um 'Recht' zu behalten, um etwas Geplantes zu begründen oder zu verwerfen. Besonders anfällig sind hier Argumentationen für oder gegen das Eintreten eines Zustandes/Ereignisses in der Zukunft. Niemand kann sie bekanntlich prognostizieren. Zukünftige Aussagen haben in allen menschlichen Sprachen keinen Wahrheitswert (niemand kann sagen "das stimmt nicht", wenn ich behaupte, "In drei Wochen wird XY dies und dies tun"). Man erkennt dies jeden Tag an denjenigen Wetterprognosen, die von vor zwei oder drei Tagen stammen. Trotzdem beschäftigen wir Heere von Wissenschaftlern, die uns die Zukunft prognostizieren sollen: das Wetter, das Wirtschaftswachstum, das Bevölkerungswachstum, die Kurse von Aktien etc. Der Sektor, den wir 'Politik' nennen, versucht, die Zukunft zu gestalten.

Neben den lebensweltlichen Bereichen, in denen man Recht behalten will (typischerweise der politische Sektor, aber auch das ganze Rechtswesen), steht - leider relativ selten - die kooperative Argumentation, bei er sich in einem Prozess der Emergenz etwas zeigen soll, was keiner der Beteiligten vorher wusste oder zu wissen glaubte. Die Wissenschaft sollte ein idealer Bereich dafür sein.

Angesichts der Bedeutung, die argumentative Äußerungen haben, muss eine wesentliche menschliche Fähigkeit nun darin bestehen, Argumentationen zu durchschauen. Zum Einen ist es wichtig, die Stichhaltigkeit einer Argumentation überprüfen zu können. Zum Anderen kann man hier sogar in begrenztem Rahmen wirkliche Prognosen machen: zu jedem Thema gibt es nämlich einen Argumentationshaushalt, also eine brgrenzte Zahl von Argumenten und Gegenargumenten, die immer wieder angeführt werden. Kennt man aus der Analyse vergangener Auseinandersetzung z.B. den Argumentationshaushalt von Debatten über die Reform der Orthographie in Alphabetschrift-Systemen, so kann man den Verlauf jeder neuen Diskussion ziemlich genau abschätzen.

Ziel des Seminars ist es, solche Argumentationen, die zugehörigen Diskurstraditionen (Textgattungen) und deren Analyse bewusst und damit durchschaubarer zu machen. Da die Textlinguistik einen natürlichen Überschneidungsbereich zwischen Sprach- und Literaturwissenschaft darstellt, können hier, wie sich im Programm zeigt, durchaus auch sogenannte literarische Texte analysiert werden.

Die Romanistik als eine von ihrem Wesen her komparatistische Disziplin bietet gleichzeitig die Möglichkeit der Horizonterweiterung, hier in Form der Unterscheidung zwischen dem Universellen, für Argumentation generell Gültigen, und dem Partikulären.

Die Zahl der Teilnehmer ist beschränkt. Voranmeldung ist erforderlich. Scheine können, je nach Thema, für verschiedene romanische Sprachen erworben werden.

In diesem Seminar werden keine Referate gehalten: Rechtzeitig vor der betreffenden Sitzung macht die Referentin/der Referent das Textfile der Arbeit dem Dozenten zugänglich. Er verteilt es per Mailing-Liste in einer .rtf-Version an die Seminarteilnehmer (zwei Exemplare werden auch bei Herrn Heinrich ausliegen). Die Aufgabe des Referenten/der Referentin besteht darin die Sitzung selbst zu leiten (ohne das Referat zu wiederholen!). Gewünscht ist also Diskussion über die schon von allen gelesene Vorlage.

Anmeldung per e-mail und danach Besuch in der Sprechstunde

Zusammenfassung des Seminars und seiner Ergebnisse

Nr.

Datum

Thema

Referentin/
Referent

Grundlagen

1 2.5.2003 Die "logischen" Junktoren und ihre Erscheinungsformen auf allen Stufen der syntaktischen Hierarchie in romanischen Texten Kathrin Stauber
2 9.5.2003 Was sind gängige Argumentationstheorien? (z.B. Aristoteles, Topik; Chaim Perelman/Lucie Olbrechts-Tyteca; Stephen Toulmin) Achim Brückner
3 16.5.2003 Wie muss man in welcher Situation argumentieren? Die Statuslehre der Rhetorik -- auch als praktische Lebenshilfe [Hier sind Lateinkenntnise nützlich] Susanne Ganster
  23.5.2003 Wird wegen einer anderen Verpflichtung verlegt auf Samstag 21.6.2003  

Praktische Analysen 1: Blick in die Geschichte argumentativer Texte

4 30.5.2003
ausnahmsweise in KG I Raum 1265!
Die mittelalterlichen Summen als argumentative Texte [Hier sind Lateinkenntnise nützlich] Cornelia Klemm
5 6.6.2003 François Rabelais, Le Tiers Livre: Wie kann ich wissen, ob mir, wenn ich heirate, meine Frau treu bleiben wird?
oder
Wie argumentiert Blaise Pascal in den Provinciales mit dem Jesuiten?
Nila Win
  13.6.2003 Pfingstpause  
6 20.6.2003 Die großen Dialoge der Renaissance als argumentative Texte.
Italienische Diologe des 16. Jhs. zum Thema Questione della lingua;
oder
Französische Texte der Renaissance zum Thema der Ortographiereform
Andreas Rörsch (franz.)
7 Samstag 21.6.2003
10 Uhr
Romanisches Seminar Raum 1265
Spanische Dialoge der Renaissance zum Thema Spanische Sprache
Nicole Euba

Praktische Analysen 2: Diskussion zu aktuellen Themen im Vergleich zwischen verschiedenen Ländern

8

9
27.6.2003, 14-16 Uhr und

16-18 Uhr
beides im Romanischen Seminar 1265
Soll die Türkei in die EU oder nicht? Analyse der in verschiedenen Ländern Europas (Deutschland, Frankreich, Spanien ...) vorgetragenen Argumentationen [Der Seminarleiter hat eine Auswahl von Texten, die hierzu in deutschsprachigen Zeitungen veröffentlicht wurden]

Statt der wegen eines Blockseminars ausfallenden Sitzung vom 4.7.2003

Wie ist die PISA-Studie in Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien (mindestens zwei Länder vergleichen) diskutiert worden?
Janine Eisenberg

Oana Nistor
  4.7.2003

Die Sitzung wird wegen eines Blockseminars verlegt und findet schon am Freitag 27.6.2003 (Doppelsitzung) statt

 

Rückblick auf die Diskurstraditionen [Die Referentin hat den Termin mit Katerina Orlov getauscht -- wudurch die Systematik des Seminars etwas leidet... Dazu kommt eine weitere, aus persönlichen Gründen von früher (21.6.) nach später verlegte Vorlage]

10 11.7.2003

1. Teil: nachgeholte Sitzung vom 23.5.2003

Voltaires contes philosophiques als Beispiele für die Technik, durch Erzählen zu argumentieren -- und was sich so 'beweisen' lässt;

Welche argumentativen Textgattungen gibt es? (Vergleich zwischen verschiedenen Sprachräumen erwünscht)
Karen Johanson


Meike Lütje

Das schwierige Geschäft mit der Zukunft

11 18.7.2003 Die Argumentationsbasis von Huntingtons Clash of Civilizations;
oder
Die Argumentationsbasis wirtschaftswissenschaftlicher Prognosen
Simone Melzer

Praktische Analysen 2: Diskussion zu aktuellen Themen im Vergleich zwischen verschiedenen Ländern [Die Referentin hat den Termin mit Meike Lütje getauscht -- wudurch die Systematik des Seminars etwas leidet...]

12 25.7.2003 Krieg gegen den Irak? Der Argumentationshaushalt und die Diskussion in Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien ... (mindestens zwei Länder vergleichen) [Der Seminarleiter hat eine sehr große Auswahl von Texten, die hierzu in deutschsprachigen und englischsprachigen Zeitungen veröffentlicht wurden];
oder
(Französische, italienische, spanische) Newsgroups im Usenet zu einem bestimmten Thema: Beispiele emergenten Argumentierens?
Katerina Orlov (ital.)
Anja Vorkamp (frz.)
Nr Datum Thema Referentin/Referent


"Außer Konkurrenz" nehmen teil: Isabella Seitz, Eva Wenzel,Heidrun Grund, Hilmar Stock , Alfonso Gallegos Shibya