Wolfgang Raible

Hauptseminar:
Textgattungen/Textsorten: Entstehung und Veränderung

Sprachen entwickeln und verändern sich, weil sie gesprochen, also gebraucht werden. Besondere Anforderungen führen dabei zu Veränderungen nicht nur im Vokabular, sondern ebenso in anderen Bereichen des Systems. Ein "normaler" Mensch z.B. könnte sein Leben zubringen, ohne je Wörter wie "Absatz", "Paragraph" "Zusammenfassung", "Argument", "Resümee", "Begründung", "Widerlegung" in den Mund zu nehmen. Jemand, der -- wie z.B. ein Jurist oder eine Philologin -- argumentative Texte zu verfassen hat, muss nicht nur solche Ausdrücke beherrschen, sondern auch die Kunst, Sätze, Absätze, logisch so zu verknüpfen, dass ein verständliches Ganzes entsteht.

Dafür gibt es Muster, die historisch wachsen (Brigitte Schlieben-Lange: Traditionen des Sprechens, 1984), die wir in der Ontogenese höchst mühsam erwerben müssen, ohne sie je perfekt zu beherrschen.

Das Seminar verfolgt die Entwicklung solcher Traditionen des Sprechens und die damiit verbundene Veränderung der Sprachen anhand von Beispieln aus verschiedenen romanischen Sprachen. Die Interessenten können -- je nach dem Schein, den sie erwerben wollen -- den Schwerpunkt auf eine bestimmte romanische Sprache legen.

In den Sitzungen werden keine Referate verlesen. Die fertigen Arbeiten liegen vier oder fünf Tage vor der Sitzung zur Lektüre aus. Die Verfasserin oder der Verfasser der jeweiligen Arbeit leiten die betreffende Seminarsitzung. Teilnahme am Seminar verpflichtet zur Lektüre aller Arbeiten.

Es können höchstens zwei Vorlagen pro Sitzung behandelt werden. Dort, wo mehr als zwei Themen zur Auswahl angegeben wurden, wird also nach dem Verfahren der Müller vorgegangen: wer zuerst kommt, mahlt zuerst.



Zusammenfassung der Ergebnisse


 

Nr.

Datum

Thema

Referentin/
Referent

Semiotische Grundlagen

1 19.4.2002 Semiotisches Grundwissen: wie entsteht Sinn durch Texte? (Kann z.B. an der Theorie und Praxis von Umberto Eco oder an der Praxis von Jorge Luis Borges mit einigen seiner erfundenen Schriftsteller erläutert werden) Petra Golz
2 26.4.2002 Was sind und was leisten Textgattungen oder Textsorten? (Verschiedene Definitionsansätze; z.B. Textsorten als Modelle für Texte)
Das System der explication de texte als Spiegel der Struktur von Texten
Julia Ott
Carolin Janssen

Die Wechselwirkung zwischen Textgattungen und ihren Rezipienten. Für wen werden Texte geschrieben?

3 3.5.2002 Die Funktion der kleinen volkssprachlichen Gattungen (Fabliau, Lai, Bestiaires ...) im Mittelalter Kathrin Bilgeri
4 10.5.2002 Die Funktion der grossen volkssprachlichen Gattungen im Mittelalter Friederike Schelkes

"Traditionen des Sprechens"

5 17.5.2002 Die Textgattungen der Wissenschaft und ihre volkssprachlichen Anfänge Behandelt wird in der Sitzung Nicole Oresme. Ein Text mit drei Versionen (lateinisch, französisch, deutsche Üübersetzung) kann als Acrobat-File heruntergeladen werden. Man braucht zum Lesen ein Acrobat-plugin oder den Acrobat-Reader, der/die überall kostenlos erhältlich sind. vorzubereitender Text
24.5.2002 Pfingstpause  
6 31.5.2002 Die Textgattungen der Wissenschaft und ihre volkssprachlichen Anfänge -- Beispiel Italien oder Frankreich. Standardbeispiele sind für Italien Galileo Galilei, für Frankreich der am 17.5. behandelte Nicole Oresme.
Diese Sitzung wird verlegt auf den 14.6., 2. Hälfte.
Mariangela Mondolo
7 7.6.2002 Die Entwicklung der historischen Gattungen (Geschichtsschreibung) seit dem Altfranzösischen

oder: Die Gattung des Exemplum und ihr Verhältnis zur juristischen Kasuistik und zu Novellensammlungen (Decameron etc.)

oder: Vom oralen Epos über chanson de geste, Versroman zum Prosaroman

oder: Ein noch "überschaubares" Gattungssystem: das der Troubadourdichtung
 
Anna Hilber
Melisa Mustafovic
Simone Kerner
8a 14.6.2002, 16-18
Doppelsitzung - 1. Hälfte
Was sind relaciones? Eine für die spanische Kolonialgeschichte zentrale Gattung und ihre konstitutiven Bedingungen

oder: Voltaire als Autor von Streitschriften und seine Nachfolger

oder: Was ist ein Essai (nicht: Essay)? Die Entwicklung einer Gattung des Essai seit ihrem Erfinder Montaigne.
Enikö Wagner



Alice Malzacher
8b 14.6.2002, 18-20 Uhr
Doppelsitzung - 2. Hälfte
Die Anfänge der italienischen Wissenschaftssprache
Mariangela Mondolo
9 (a) 21.6.2002
16-18 Uhr
Doppelsitzung - 1. Hälfte
Argumentative Texte, ihr Aufbau und die sprachlichen Mittel, die man braucht, um Argumentation verständlich zu machen

oder: Vergleich deutscher (englischer, spanischer, italienischer ...) mit französischen Gerichtsurteilen

oder: Die Entwicklung des Vokabulars, mit dem man über Texte spricht, im Französischen/ Spanischen/...
Marcus Müller
Stefan Maurer
 
9 (b) 21.6.2002
18-20 Uhr
Doppelsitzung - 2. Hälfte
Die Bedeutung des Layouts, also der optischen Präsentation, für Textgattungen

oder: Nach welchem Muster fasst man ein ganzes Leben in Worte? Die Gattungstradition der Biographie/Autobiographie

oder: Wie schreibt man eine fantastische Erzählung? (illustriert an ... [z.B. Texten des französischen 19. Js. oder am lateinamerikanischen Cuento, zu dem etwa die Ficciones von Borges gehören])
Nathalie Orth
 
10 28.6.2002 Die Sitzung muß wegen eines Blockseminars auf dem Schauinsland verlegt werden. Daher Sitzung 9 als Doppelsitzung  

Intermodalität und Intermedialität

11 5.7.2002 Wie setzt man vergleichbare Inhalte in verschiedene Gattungen um? (mögliche Beispiele: Roman --" Novelle, Roman --" Theaterstück, Wissenschaftliches Buch --" Resümee, Buch --" Rezension, Theaterstück --" Theaterkritik ...) Kerstin Gundert
12 12.7.2002 Was verändert sich bei der Verfilmung eines literarischen Werks (erläutert anhand von Beispielen)?

oder:Was verändert sich bei der Umsetzung des Stoffs einer Vorlesung in eine Präsentation mit PowerPoint oder UPresent?
Imke Huber
Frederico Meinberg
13 19.7.2002 Schlußsitzung  
Nr Datum Thema Referentin/Referent

Als Gäste: Sandra Eckert, Anna Raschick, Alfonso Gallegos Shibya.