Wolfgang Raible

Hauptseminar:
Sprache - Denken - Identität

Zu den Fragen, die immer wieder -- und häufig mit einiger Erregung -- diskutiert werden, zählt die nach dem möglichen Zusammenhang zwischen sprechen und denken. Wenn noch die Frage dazukommt, ob es eine besondere sprachlich begründete Identität gibt, kann die Diskussion virulent werden. Eine der Konsequenzen könnte ja lauten, man könne in bestimmten Sprachen <besser> denken als in anderen.

In dem Seminar sollen zunächst einige Vorläufer und Vertreter autoritativer Meinungen zu diesem Thema behandelt werden. Besonders interessant ist dabei die Gleichsetzung von <französisch> mit <logisch>, die erstmals im 16. Jh. bei Louis Meigret als Argument für das Französische und gegen das Lateinische auftritt und sich bis heute gehalten hat, obwohl längst klar ist, daß die Wortstellung nichts über den logischen oder nicht-logischen Charakter einer Sprache aussagt. Nicht eine Sprache, nur Texte können logisch oder nicht-logisch sein.

Daher wird es nötig sein, in einigen Vorlagen, die grundlegenden Aspekte der sprachlichen und der kognitiven Seite zu beleuchten. Besonders interessant sind dabei Fälle von Personen, die erst sehr spät eine Sprache erworben haben. Susan Schaller hat z.B. 1991 einen solchen Fall beschrieben (A man without words. With a foreword by Oliver Sacks. New York: Summit Books, 2. Aufl. 1995. Deutsch 1992.)

Daran schliessen sich einige Referate an, in denen die eher sozialen oder soziologischen Aspekte des Problems beleuchtet werden sollen. Sowohl die Frage einer sprachübergreifenden Identität wie auch das Konzept des kollektiven Gedächtnisses sind dabei von besonderer Wichtigkeit.

Schließlich sollen auch noch einzelne historische Situationen in den Blick kommen, in denen eigentlich alle Voraussetzungen für eine konflikt-induzierte Identitätsbildung vorliegen müssten, in denen solche Konflikte zum Teil jedoch nicht in der erwarteten Weise aufgetreten sind.

In den Sitzungen werden keine Referate verlesen. Die fertigen Arbeiten liegen vier oder fünf Tage vor der Sitzung zur Lektüre aus. Die Verfasserin oder der Verfasser der jeweiligen Arbeit leiten die betreffende Seminarsitzung. Teilnahme am Seminar verpflichtet zur Lektüre aller Arbeiten.

Letztes Update: 21. Dezember 2001

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Nr.

Datum

Thema

Referentin/
Referent

Vorläufer
  19.10.2001 Abwesenheit wegen einer SFB-Begehung in Köln  
1 26.10.2001 Sprache und Denken: die französische Diskussion über die clarté de la langue française von ihrem Beginn im 16. Jh. bis heute Florian Henke
2 2.11.2001 Ferdinand Brunot, La pensée et la langue; Damourette & Pichon -- Des mots à la pensée: Vorläufer der kognitiven Linguistik? (Das Thema kann gut auf zwei Personen verteilt werden).
Statt dieses Themas, das keine Liebhaberin oder keinen Liebhaber gefunden hat, Diskussion folgender zwei Texte: Umberto Eco zu Fragen der kulturellen Identität und Differenz (Le guerre sante -- passione e ragione, herunterladbar als Acrobat-File, inkl. deutsche Version) und Wolfgang Raible. 1998. <Alterität und Identität>. In: Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik LiLi 28 [Heft 110]: 7-22.
Vorbereitung durch Lektüre der nebenstehenden Texte
3 9.11.2001 Benjamin Lee Whorf und seine Rezeption.
Da die Referentin, Frau Zschocke, das Thema von einer Kommilitonin übernommen hat, die sich erst am 26.10. - und dies auch noch par personne interposée - abgemeldet hat, wird die Vorlage auf den 12.1.2002 verschoben.
Almuth Zschocke
für die Sitzung vorzubereitender Text
(hier herunterladen)
Die Grundlagen
4 16.11.2001 Kognitive Basis: Sind Sprache und Denken identisch? Evidenz aus der Aphasieforschung und der Kognitionspsychologie
Das Thema wird erst Anfang 2002 behandelt.
Aufgabe für diese Sitzung: Lektüre von Odyssee IX, 105-566 -- gleichgültig ob in deutscher, französischer, italienischer Übersetzung -- als weltliterarisches Beispiel dafü, wie uns in Diskursen Identität vs. Alterität vermittelt wird.
Rosa Spataro, Sandra Stach
5 23.11.2001 Wygotskijs Konzeption des Inneren Sprechens: Leistung und Grenzen Kristin Müller
6 30.11.2001 Die Prototypensemantik und ihr Platz in einem übergreifenden Modell der Semantik Text für die Sitzung hier herunterzuladen
  7.12.2001 Abwesenheit wegen eines Kolloquiums in Delmenhorst  
7 14.12.2001, 16-18 Schreibkompetenz bei Zwei- und Mehrsprachigen: Denkt man in einer Sprache "besser" als in einer anderen? (Habil-Schrift von Claudia Riehl) Katja Vobiller
Camilla Diana
8 14.12.2001, 18-20 Uhr Ersatz-Sitzung
Wie denkt jemand, der weder eine Laut- noch eine Gebärdensprache kennt? Wie denkt ein Gebärdensprachler? Wie denkt jemand, der zweisprachig ist?
Tanja Ebner
Der soziologische Aspekt
9 21.12.2001 Wie entstehen Gruppen, die sich als zusammengehörig empfinden (Gruppenidentität) und welche Rolle hat dabei Sprache? Anja Lott
  11.1.2002 Abwesenheit wegen eines Blockseminars auf dem Schauinsland  
10 12.1.2002, 10.00 Uhr, ÜR in Bibliothek des RoSeminars Ersatz-Sitzung:
Gibt es eine lateinamerikanische (spanische, französische...) Identität? -- Die Entstehung von Konzepten wie Frankophonie, Hispanophonie, Lusophonie.

Benjamin Lee Whorf und seine Rezeption.
(Da die Referentin das Thema von einer Kommilitonin übernommen hat, die sich erst am 26.10. - und dies auch noch par personne interposée - abgemeldet hat, ist diese Vorlage auf den 12.1.2002 verschoben worden.)
Petja Meidlinger

Almuth Zschocke
11 18.1.2002, 16-19.30 Doppelsitzung
Die Entwicklung der Konzeption des Kollektiven Gedächtnisses: Von Maurice Halbwachs zu Aleida und Jan Assmann. Identität durch geteiltes kulturelles Wissen?

(nachgeholt vom 16.11.2001) Kognitive Basis: Sind Sprache und Denken identisch? Evidenz aus der Aphasieforschung und der Kognitionspsychologie
Petra Wagner

Rosa Spataro, Sandra Stach
Mehrsprachigkeit und Identität
12 25.1.2002 Faktoren, die zu einer engeren Verknüpfung von Sprache, Nation und Identität führen (z.B. Minoritäts-Situation, historische Erfahrungen wie in Katalonien, Galicien, Québec) Sabine Feuerer
Historische und zeitgenössische Beispiele
13 1.2.2002 Das Problem der Sprachverschiedenheit und die Überlegungen, die damit verbunden sein können -- Basis insbesondere: Arno Borst, Der Turmbau zu Babel Katrin Bockskopf
14 8.2.2002 Sprache, ethnische Zugehörigkeit, Identität in historischen Situationen: (z.B. mittelalterliches Frankreich, mozarabisches Spanien, England zwischen 1066 und dem 14. Jh.)

Sprache, Nation, Identität unter den Bedingungen von "Globalisierung"
Susanna Rech

Agossou Togbenou
15 15.2.2002 Definition von Identität in einem Staat, in dem viele Sprachen gesprochen werden und in dem Teil-"Nationen" relativ unabhängig leben -- z.B. Kanada: Was ist "kanadische Identität"? Anregung: http://www.ualberta.ca/~bleeck/canada/canada5.html

Identität bei Aphasie/Schizophrenie
Katrin Dotzauer
Gabi Christmann
Nr Datum Thema Referentin/Referent

"Außer Konkurrenz" nehmen teil: Esther Feinen, Karsten Bechle, Viola Wacker