Wolfgang Raible

Hauptseminar:
Genese von Kreolsprachen
(auf romanischer Basis)

Die Untersuchungen zu den Kreolsprachen stehen weltweit im Schnittpunkt mehrerer sehr aktueller Richtungen der Forschung.

Es gibt eine intensive Diskussion über die Frage, wie weit die Sprechfähigkeit dem Menschen angeboren ist. Existiert z.B. ein <Grammatik-Gen>, wie verschiedene Publikationen -- meist aufgrund unzureichender Kenntnis der biologischen Seite -- annehmen? Seit Derek Bickerton in einem protreptischen Buch 1980 die These aufgestellt hat, Kreolsprachen seien das Ergebnis eines Bioprogramms, das ßberall dort wirksam werde, wo Kinder ohne viel Einwirkung älterer Kinder oder Erwachsener Sprache erwerben und entiwckeln wßrden, gelten Kreolsprachen als eines der experimenta crucis für diese These, die in der Regel kombiniert wird mit der generativistischen Position eines Language Acquisition Device (LAD). Als weiteres experimentum crucis gilt die Entstehung einer Gestensprache unter taubstummen Kindern in Nicaragua aus einer Kontaktsprache (Pidgin) ab 1986.

Wenn man eine Gegenposition vertreten will, kann man z.B. historische Studien treiben und alle Daten zusammentragen, die wir über die Kolonisation durch Portugiesen, Spanier, Franzosen, Engländer, Holländer, Deutsche, sowie die Lebensformen auf den Plantagen und die dortigen Formen der Kommunikation ausfindig machen können. Derek Bickerton hat dies selbst für Hawaii machen lassen -- mit dem Erfolg, daß er seine These von 1980 im Jahr 1999 bzw. in dem Buch Lingua ex Machina (Calvin/Bickerton 2000) beträchtlich modifiziert hat.

Betrachtet man den Sprachwandel unter etwas allgemeinerer Perspektive, so sieht man, daß Sprachen nicht nur ausgebaut werden können (besonders als Schriftsprachen -- auch dieser Ausbau ist an Kreolsprachen zu beobachten), sondern vor allem laufend umgebaut werden. Die Prozesse der Grammatikalisierung, die dabei ablaufen, sind unter den Sprachen der Welt -- bei aller Verschiedenheit der einzelnen Sprachen -- so ähnlich, daß man noch von einer weiteren Größe ausgehen kann: gemeinsamen kognitiven Voraussetzungen die zu ähnlichen Prozessen des Sprachwandels führen.

Wenn solche kognitiven Prozesse als mögliche Basis überall zu beobachten sind, sind sie auch in der Sprachentwicklung in der Ontogenese zu beobachten. Von besonderem Intersse ist es daher, eine klare Vorstellung von der Art und Weise zu haben, in der Kinder unter <normalen Umständen> ihre erste Sprache erwerben. Auch hier sind jede Menge kreativer Prozesse, analytischer Umschreibungen, Analogiebildungen etc. zu beobachten.

In den Sitzungen werden keine Referate verlesen. Die fertigen Arbeiten liegen vier oder fünf Tage vor der Sitzung zur Lektüre aus. Die Verfasserin oder der Verfasser der jeweiligen Arbeit leiten die betreffende Seminarsitzung. Teilnahme am Seminar verpflichtet zur Lektüre aller Arbeiten.

Letztes Update: 22. Juni 2001

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Nr.

Datum

Thema

Referentin/
Referent

Grundlagen
1 27. April 2001 Überblick über den Erstspracherwerb in ein- und zweisprachigen Gemeinschaften und die Regeln, nach denen er abläuft. Stefanie Huber
2 4. Mai 2001 Überblick über die Zeiträme und Regionen, während derer/in denen aus europäischen Sprachen Pidgins und Kreolsprachen entstanden sind. Julia Wiederholt
3 11. Mai 2001 Differenzierung des Begriffs <Sprache>: Erläuterung des <Ausbaus> (Heinz Kloss) einer Sprache zur Schriftsprache am Beispiel einer der romanischen Sprachen oder einer der Kreolsprachen [wo sich z.B. besonders Papiamento anbietet] (Wortschatz, Textsorten, Normierung durch Grammatiken, Lexika) Rigma Beisse
(4) 18.Mai 2001 Muß verlegt werden auf Samstag 26. Mai 2001 wegen eines Blockseminars.  
Zur Genese von Kreolsprachen
4 25. Mai 2001 Was war das Neue, Besondere und Faszinierende an der Konzeption des Bioprogramms, die Derek Bickerton 1980 publiziert hat? Martina Reime & Leonor Lecca Guillén
5 1. Juni 2001 Une créoliste française et sa vue à l'égard de la naissance des langues créoles. Marie-Christine Hazaël-Massieux, Aix-en-Provence
  8. Juni 2001 Pfingstpause  
6 15. Juni 2001 Die Kontroverse zwischen John McWhorter und Michel de Graff aufgrund eines McWhorter-Artikels in der Zeitschrift Language (1998): Was sind <regular languages>?

Das <Kreol> der Insel Réunion: Charakterisierung und Entstehungsgeschichte (Leitfrage: warum ist daraus keine ganz typische Kreolsprache geworden?)
Alexander Kolleth

Lucia V. Clesly & Friederike Junker
7 22. Juni 2001 14-16 Uhr 1. Ersatz-Sitzung:Eine Kreolsprache auf portugiesischer Basis: Das Kreol der Kapverdischen Inseln: Entstehung, heutiger Stand, Ähnlichkeit mit anderen Kreolsprachen Sabrina da Silva Cláudio
8 22. Juni 2001 16-18 Uhr Alternative Hypothesen 1: Robert Chaudensons Konzeption des gemeinsamen Variantenraums, dem alle Varianten des Französischen angehören (Français zéro)

Die Entwicklung des Idioma de señas nicaragüense: Beispiel für die Kreolisierung einer Gestensprache für Taubstumme?
Stefanie Mayer

Davide Palumbo
9 29. Juni 2001 Alternative Hypothesen 2: Kreolisierung als <irregular transmission>: die jüngste, in der Newsgroup <CreoList> ausgetragene Kontroverse in der Kreolistik und die Hintergründe des Streits.

Eine spanisch-portugiesisch basierte Kreolsprache: das Papiamento und seine Entstehung
Anna Raschick

Wilma Strothenke
(10) 6. Juli 2001 Muß verlegt werden auf Samstag 14. Juli wegen einer SFB-Begehung in Berlin.  
10 13. Juli 2001 Alternative Hypothesen 3: Kognitive Prozesse, die Sprachwandel leiten können. Carmen Petersen
11 14. Juli 2001 Muß voraussichtlich wegen einer Sitzung des Stiftungsrats der Evaluations-Agentur Baden-Württemberg ausfallen.  
12 20. Juli 2001 2. Ersatz-Sitzung: Die Veränderung der Konzeption von Bickerton in einer Publikation von 1999 bzw. in dem Buch Lingua ex Machina (Calvin/Bickerton 2001) und ihr Hintergrund: Wie sah der Kreolisierungs-Prozeß in Hawaii zwischen 1876 und 1920 wirklich aus? Iris Nagel

Als Gäste: Barbara Thiel, Siad Touma, Frederico Meinberg, Jutta Neumann, Kirsten Nienaber, Vivien Ysker, Alfonso Gallegos Shibya, Esther Peternek, Cornelia Hagen