Statt der Termini Sub- und Superstrat, die wegen der sozialen oben/unten-Metaphorik immer mißverständlich sind, sollte man als Oberbegriff Sprachkontakt verwenden. Innerhalb dieses Begriffs sollte man dann neutral von Sprache A und Sprache B, oder von L1 und L2 reden. Und so, wie in den bei Kontzi versammelten Texten zu Sub- und Superstrat Amado Alonso empfohlen hat, Fälle zu beschreiben, die sich in der beobachtbaren Gegenwart oder in der jüngeren Vergangenheit abgespielt haben, sollte man sich zur Theoriebildung an jüngere Arbeiten halten, die nicht unbedingt aus dem romanistischen Bereich kommen müssen. Ein gutes Beispiel ist -- neben dem Klassiker Languages in contact von Uriel Weinrich -- Hans-Jürgen Sasse von der Kölner Universität, etwa:

Brenzinger, Matthias (ed.). 1992. Language Death. Factual and Theoretical Explorations with Special Reference to East Africa. (Contributions to the sociology of language, 64.) Berlin/New York: Mouton de Gruyter.

Sasse, Hans-Jürgen. 1985. "Sprachkontakt und Sprachwandel: Die Gräzisierung der albanischen Mundarten Griechenlands". Papiere zur Linguistik 32: 37--95.

Sasse, Hans-Jürgen. 1992a. "Theory of Language Death". In:
Brenzinger, Matthias (ed.), 7--30.

Sasse, Hans-Jürgen. 1992b. "Language Decay and Contact-Induced Change: Similarities and Differences". In: Brenzinger, Matthias (ed.), 59--80.


Man muß dann, da Bilinguismus von Sprechern vorausgesetzt wird, noch zwischen der eventuell primären und der sekundären Sprache unterscheiden.

Wenn die eine Sprache A sich allmählich gegenüber der anderen durchsetzt, treten bei der Sprache B, die allmählich in der anderen aufgeht, typischerweise die folgenden Erscheinungen auf:

  1. Verlust phonologischer Oppositionen (besonders, wenn sie in Sprache A keine Rolle spielen).
  2. Reduzierung morphologischer Unregelmäßigkeiten zugunsten morphologischer Durchsichtigkeit (Analogieprinzip).
  3. Verlust von Funktionswörtern und Ersetzung solchen Funktionswörter (Konjunktionen, Kopula) durch Formen aus Sprache A.
  4. Bevorzugung analytischer, also durchsichtiger Formen gegenüber synthetischen.
  5. Dies führt dann zum Abbau von Flexionsparadigmen und ihrer Ersetzung durch agglutinative oder stark reduzierte Formen.
  6. Verlust komplexer syntaktischer Formen, etwa Verlust der Möglichkeiten syntaktischer Unterordnung.
  7. Im späteren Stadium Erscheinungen, die im Bereich der Sprachpathologie als Agrammatismus bekannt sind. Die Sprecher haben nur noch ein kleines Inventar von Formen, das sie dann extensiv gebrauchen.
  8. Instabilität im Lautbereich und in der Morphologie.
  9. Reduzierung des lexikalischen Inventars als Folge des generellen Rückgangs des Sprachgebrauchs in quantitativer und qualitativer (Textsorten) Hinsicht.
  10. Als Folge des letzten Punkts: erhöhte Mehrdeutigkeit der übriggebliebenen Formen.


Es dürfte einleuchten, daß einige dieser Erscheinungen -- alle zusammen sprechen sie für "Sprachtod" -- auch bei Kreolisierung vorkommen können -- etwa die Nummern 1, 2, 3, 4, 5, 6. Und daß diese Erscheinungen wieder rückgängig gemacht werden, sobald eine solche Sprache durch geänderte äußere Umstände an Bedeutung zunimmt und im Sinne von Heinz Kloss ausgebaut wird.