Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Sommersemester 1997
Romanisches Seminar
Hauptseminar Sprachwissenschaft: Neue Medien, Neue Diskurs- und Kommunikationsformen
Leitung: Wolfgang Raible

Wie wirkt sich das Internet auf den Arbeitsmarkt aus?

Ruth Brand
Komturplatz 2
79108 Freiburg

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e-mail: brandr@mibm.ruf.uni-freiburg.de


Inhalt

I. Einleitung

II. Zur Geschichte des frühen Buchdruckes
A. Ist der Zeitpunkt der Erfindung ein Zufall?
B. Die Folgen der neuen Technik
C. Eine Änderung gesellschaftlicher Identität
D. Zeitgenössische Rezeption eines neuen Mediums
E. Buchdruck und Arbeitsmarkt

III. Die veränderte Situation durch die Einführung der elektronischen Medien
A. Arbeitsplatzverlust durch Rationalisierung
B. Zwei Beispiele : Die Deutsche Telekom und das Rechenzentrum der Universität Freiburg
C. Neue Jobs durch Telearbeit?
D. Herstellung und Ausstattung von Hard- und Software
E. Grenzenloses Einkaufsvergnügen?

IV. Schlußbetrachtung

V. Literaturverzeichnis


Einleitung

Zwar wurde das ARPAnet, der früheste Vorgänger des Internet, bereits 1969 eingerichtet, doch erst der benutzerfreundliche Service World Wide Web verhalf im Jahre 1989 dem Netz zum Durchbruch auch bei breiteren Bevölkerungsschichten, die nicht militärischen oder wissenschaftlichen Kreisen zugehörig waren. Wenn die Prognosen auch stark auseinander gehen, so ist doch anzunehmen, daß die elektronische Vernetzung weiterwachsen wird. Ein solch wichtiges Phänomen wird vermutlich auch den Arbeitsmarkt beeinflussen. Dieser Einfluß wird nicht allein von den Möglichkeiten ausgehen, die das Netz selbst den Nutzern bietet, sondern das Hauptgewicht liegt zunächst auf dem Einsatz an Arbeitskräften, der zum Aufbau notwendig sein wird. In der vorliegenden Arbeit möchte ich zunächst auf die Auswirkungen des Internet selbst eingehen, aber auch auf Entwicklungen, die auf dem weiten Feld der "Neuen Medien" im allgemeinen vor sich gehen. Gerade das Thema "Internet" ist derart aktuell, daß bisher kaum Literatur zur Frage seiner Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt existiert. Ich war daher auf Gespräche mit für mich erreichbaren Fachleuten angewiesen, die mir kompetent erschienen. Ähnlich wie die schriftlichen Prognosen, ja soger die Bestandsaufnahmen, waren auch die Gesprächsergebnisse stark unterschiedlich. Die Argumentationslinie wird sich daher unter anderem auf eine Vorhersage in Analogie zu denjenigen Folgen stützen, die die Einführung des Buchdruckes in der frühen Neuzeit mit sich gebracht hat. Mein Ausblick wird also, nicht zuletzt aufgrund des Mangels an vorliegenden empirischen Grundlagen in Form zahlreicher, unabhängig voneinender erstellter Prognosen, eher spekulativen Charakter haben. Beispielhaft liegen jedoch Zahlen der deutschen Telekom als einem Unternehmen der freien Wirtschaft sowie des Rechenzentrums der Universität Freiburg als einer von öffentlichen Mitteln getragegen Institution vor.


II. Zur Geschichte des frühen Buchdruckes

II. A. Ist der Zeitpunkt der Erfindung ein Zufall?

Um an späterer Stelle Analogien zur Einführung elektronischer Medien herstellen zu können, sollen zunächst einige wichtige Aspekte und Konsequenzen der Erfindung des Buchdruckes vorangestellt werden. Auch wenn die Länge dieses historischen Abrisses den vorgegebenen Rahmen der Arbeit sprengen sollte, erscheint es mir dennoch wichtig, mich hierbei nicht zu kurz zu fassen, um bei der Herleitung der Parallelen nicht ungenau zu sein. Entgegen verbreiteter Annahme war Gutenberg im Winter 1455/56 keineswegs weltweit der Erfinder des Buchdruckes. In China sind xylographische Drucke bereits seit der Regierungszeit von Ming Huang (712-756) bekannt. Vermutlich ging es den Druckern und ihren Auftraggebern um die Verbreitung und Belebung der Schriften einer religiösen Autorität, in diesem Falle von Konfuzius, und um die Autorisierung einer bestimmten Textvariante. Bis in die Neuzeit hinein diente der Druck in China einer solchen Standardisierung und zentralen Kontrolle. Er vollendete also Möglichkeiten, die schon der skriptographischen Technologie innewohnen. Es kam daher nicht zu einer Umwälzung, sondern zu einer Stabiliseirung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Giesecke stellt die These auf, daß eine Erfindung von gesellschaftlicher Umwälzungskraft nie durch Zufall von einem klugen Kopf gemacht werde und anschließend aufgrund ihrer Genialität Verbreitung finde, sondern daß schon lange Zeit vorher in der Gesellschaft Entwicklungen vor sich gehen müßten, die in der Notwendigkeit einer Neuerung resultierten. Erst wenn eine Erfindung auf eine soziale Konstellation treffe, die ihrer bedürfe, könne sie sich durchsetzen.

"Daß eine Maschine, wie es beim >Truckwerk< der Fall ist, nicht nur die Identität einer Gesellschaft, sondern diejenige nahezu aller europäischer Kulturen und bald darüberhinaus auch diejenige weit entfernter Länder verändert, ist ein so unwahrscheinlicher Vorgang, daß er in der Menschheitsgeschichte nur wenige Parallelen hat."

Auch im antiken Rom habe die Verbesserung der Wasserversorgung und die Beheizung der Thermen die Erfindergabe mehr angespornt als die Verbesserung der Druckverfahren und deren Anwendung auf die Manuskripte, weil kein gesellschaftlicher Bedarf danach bestanden habe. Die riesigen Theater in antiken Städten und die umsichtige Anlage der Märkte wertet Giesecke als Indiz dafür, daß die Gesellschaft sich mit Begeisterung vorwiegend der mündlichen Kommunikation gewidmet habe. Wer etwas auf sich gehalten habe, habe durch die Rede überzeugt. Daher hätten die vergleichsweise wenigen Bibliotheken auch so bescheidene Ausmaße gehabt. Um ein Interesse an der Technisierung der Kommunikation zu ermöglichen, bedurfte es zunächst einer Emanzipation der schriftlichen Medien von der Rede. Warum nun setzte der Buchdruck sich gerade zu Beginn der Neuzeit durch? "Es sind die Wünsche der Menschen jener Zeit, die die Druckerpresse, die Lettern und die Bücher zu einem Medium der Veränderung kultureller Identitäten gemacht haben." Vermutlich wurden ältere Kommunikationsformen immer weiter differenziert, standardisiert und sozial organisiert, bis so komplexe Technologien und soziale Vernetzungsformen entstanden, daß sie sich kaum mehr in ökonomischer Weise beherrschen ließen. Man benutzte normierte Schriften ,schrieb die Texte arbeitsteilig, verwendete mehrere Schrifttypen und standardisierte die einzelnen Gattungen. Diese Zergliederung komplexer Vorgänge schuf erst die kognitiven Voraussetzungen für die technische Ersetzung einzelner Arbeitsgänge. Da eine ausreichende Menge handschriftlicher Informationen und eine breite Alphabetisierung eine Grundbedingung für den Buchdruck gewesen sind, traf die Gutenberg-Erfindung in Europa auf einen bestens vorbereiteten Boden.

II. B. Die Folgen der neuen Technik

Gutenberg selbst wurde durch seine Erfindung ruiniert, da die Einrichtung seiner Druckwerkstatt ein so hohes Risikokapital erforderte, daß er diesen Einsatz nicht mehr hereinwirtschaften konnte, auch in Anbetracht dessen, daß die neue Technik sich nicht von heute auf morgen durchsetzte. Hätte er allerdings seinen Eifer in die Produktion von Kalendern, Lehrbüchern und anderen wohlfeilen Kleindrucken gesetzt, so wäre ihm unter Umständen der wirtschaftliche Ruin erspart geblieben. Er entschloß sich jedoch, als erstes Druckerzeugnis das Alte und das Neue Testament auf den Markt zu bringen. Offenbar ging es Gutenberg nicht so sehr darum, eine Art Photokopiermaschine zu schaffen, die schnell und billig Handschriften vervielfältigt. Vielmehr muß es ihm wohl um die Verbesserung des Schreibens und um die gesellschaftliche Durchsetzung dieser Verbesserung gegangen sein. Um die Überlegenheit der Druckkunst vor aller Augen zu demonstrieren, war die Reproduktion desjenigen Werkes, welches die Identität der mittelalterlichen Kultur wie kein anderes bestimmt hatte, vonnöten. Um die Gestaltung der Bibel mühten sich die besten Schreibmeister. In der unmittelbaren Konkurrenz mit diesem Werk ließ sich für alle Zeitgenossen am überzeugendsten die Leistungsfähigkeit der neuen Kunst demonstrieren. Gutenberg hatte in seinem Buchstabensortiment keineswegs nur die 26 Buchstaben des Alphabets in Groß- und Kleinschreibweise nebst einigen Satz- und Leerzeichen. Er verfügte außerdem über eine Vielzahl von Nebenformen, Anschlußbuchstaben, >spitzköpfigen< und >überhängenden Formen<, insgesamt summierten sie sich zu über 300 verschiedenen Lettern. Dieser beträchtliche Mehraufwand, den Gutenberg auf diese Weise betrieb, sollte vermutlich dazu dienen, eine in sich harmonische Textgestaltung zu konstruieren. Mit diesem Ideal ordnete er sich in das Ideal der zu dieser Zeit bereits in ganz Europa verbreiteten Renaissance ein. Leitbild der bildenden Künste zu dieser Zeit war die Schönheit als eine "Harmonie aller Teile, in welchem Gegenstand sie auch erscheint, zusammengefügt mit solcher Proportion und Verbindung, daß nichts hinzugefügt oder verändert werden könnte, ohne es zu verschlechtern." So drückt L:B: Alberti in seinem Werk >De re edificatori< 1485 die Ideale der bildenden Künstler aus. Zudem setzte der aus einzelenen Buchstaben zusammengesetzte Drucksatz voraus, daß die Schrift als eine Kette von isolierbaren Zeichen interpretiert wurde. Da man in dder Renaissance begann, sich wieder auf die Kunstschätze der Antike zu besinnen, mußte man nun feststellen, daß im Laufe des Mittelalters viele der alten Schriften verlorengegangen waren. Entweder waren sie in klösterlichen Schatztruhen verschimmelt oder Bränden zum Opfer gefallen.

II. C. Eine Änderung gesellschaftlicher Identität

Bedeutsamer als die Darstellung der einzelnen Etappen, in denen sich das neue Medium durchsetzte, scheinen mir die siozialen Konsequenzen zu sein. Diese bestanden keineswegs nur darin, daß einfach mehr Schriften Verbreitung fanden, sondern es änderten sich vielmehr die gesamte Identität der Gesellschaft und die Bedeutung, die man dem geschriebenen Wort beimaß. Wie jede tiefgreifende gesellschaftliche Umwälzung fand auch die Einführung des Buchdrucks nicht nur Befürworter, sondern erntete auch harsche Kritik. Dies dürfte meines Erachtens eine entscheidende Parallele zur Einführung der elektronischen Medien sein: Da die Zeit reif war für die Etablierung einer neuen Erfindung, setzte sie sich durch, unabhängig davon, was für Gefahren zeitgenössische Kritiker infolgedessen für die Zukunft prophezeiten. Allerdings fand das Typographeum in großer Mehrheit Befürworter. Da man in der Renaissance begann, sich wieder auf die Kunstschätze der Antike zu besinnen, mußte man nun feststellen, daß im Laufe des Mittelalters viele der alten Schriften verlorengegangen waren. Entweder waren sie in klösterlichen Schatztruhen verschimmelt oder Bränden zum Opfer gefallen. Auch aus den Mittelalter selbst fand sich wenig verwertbares. Sieht man einmal von den sieben freien Künsten (septem artes liberales) ab (TRIVIUM: Rhetorik, Grammatik, Dialektik. QUADRIVIUM: Arithmetik, Geometrie, Astronomie, Musik), zu deren Unterrichtung eine Vielzahl von Lehrbüchern bereitstand, so konnten eingentlich nur die medizinischen und pharmakologischen Selbsthilfeprogramme auf ein reiches Reservoir mittelalterlichen Schrifttums zurückgreifen. Im 15. und 16. Jahrhundert wird daher der Buchdruck als Antrieb zur Besserung der Verhältnisse genannt. Offenbar schloß man von einer größeren Menge gleicher Werke auf eine längere Haltbarkeit, auch wenn sich das Material nicht geändert hatte. Man hoffte wohl ,daß mit höherer Auflage die Wahrscheinlichkeit steige, daß einigen Exemplaren dank pfleglicher Behandlung Dauerhaftigkeit beschieden sein werde. Jedenfalls wich die Koppelung des Ewigkeitsgedankens an die Härte des Materials demjenigen einer Koppelung an die Häufigkeit und Verbreitung des Mediums.

II D. Zeitgenössische Rezeption eines neuen Mediums

Gutenberg erhielt für seine zu Beginn noch sehr unklaren Vorstellungen über seine Druckmaschine von den verschiedensten Leuten viel Geld. Sie mußten auf seine Worte vertrauen. Alle diese Gelder waren Anleihen auf eine Idee und ihre Höhe sagt einiges über die Faszination aus, die von dieser Idee auf die Zeitgenossen ausging. Es hat den Anschein, als ob sie größer war als jene, die von der Computertidee Konrad Zuses in den vierziger Jahren unseres Jahrhunderts ausging. Fachkollegen unterstützten die Entwicklung der neuen Maschine zwar, sie wurde aber in Deutschland nicht als etwas wahrgenommen, mit dem man gesellschaftliche Wünsche erfüllen kann. "Die schnelle Ausbreitung der Computertechnologie hängt ähnlich wie jene der Typographie ganz entscheidend von dem Rang ab, den man dieser Technik bei der Erfüllung sozialer Utopien zuspricht." Man hoffte dank der Schnelligkeit der neuen Technologie, daß eine ungeheure Menge von Büchern, die einst nur wenigen Gelehrten in geistlichen Bibliotheken offengestanden hatte, nun einer breiten Öffentlichkeit zugänglich werde. Das Typographeum wird als eine Maschine beschrieben, die Wissen nicht nur speichern und verbreiten, sondern auch erzeugen kann. Damit wurde eine grundlegende Wandlung der erkenntnistheoretischen Tradition eingeleitet: Nicht mehr nur Gott und die menschliche Vernunft galten als Erkenntnisorgane, sondern die Druckerei selbst wurde zu einem Erkenntnisorgan. Dieser Gedanke leitet über zu den reformatorischen Ideen Martin Luthers. Dadurch, daß die Heilige Schrift dank großer Auflagen und einer breiter werdenden Alphabetisierung der Bevölkerung in immer stärkerem Maße dem Selbststudium der Gläubigen zugänglich wurde, ergab sich die Chance, dem Klerus das Monopol auf die Auslegung der Schrift zu entreißen. Luther bestand darauf, nur die Schrift als Autorität und Verkündigungsmedium anzuerkennen. Bemerkenswert ist, daß Luther den Buchdruck als 'letztes und zugleich größtes Geschenk Gottes' titulierte. Durch eben dieses Geschenk erhielten die Menschen eine eigene Quelle, aus der sie die göttliche Weisheit eigenständig schöpfen konnten. Eine interessante Parallele zwischen der Einführung des Buchdruckes und derjenigen des Internets besteht meines Erachtens in der Diskussion darüber, wer berechtigt sei, Informationen in den Kreislauf einzuspeisen. Zwar herrscht in der gegenwärtigen Diskussion weitgehend Konsens darüber, daß die Chance des Internet gerade darin besteht, daß jeder unzensiert Informationen einspeisen kann. Dennoch fordern auch zahlreiche Stimmen, daß eine Zensur eingeführt werden müsse, um subversive Elemente aus dem Netz herauszuhalten. So existieren beispielsweise zahlreiche Webseiten, in denen rechts- und linksradikale Organisationen Mitglieder werben, sowie pornographische oder gewaltverherrlichende Informationen. Zwar stellen sie verglichen mit der Gesamtheit der im Netz angebotenen Informationen nur einen verschwindend geringen Anteil, doch bereitet ihr Auffinden bei gezielter Suche keine Schwierigkeiten. Auch die Kritiker des Buchdruckes fürchteten den schlechten Einfluß des freien Marktes der Informationen, insbesondere was die Auslegung der Bibel anbelangte. So stand in einem Nürnberger Gutachten zu lesen:

"Achtet darauf, daß ihr diesem Übel des Druckes von Büchern, die aus den heiligen Schriften in die Volkssprache übersetzt sind, vorsorglich entgegentretet, denn diese Übersetzung zielt, wie gesagt wurde, auf die Schwächung der kirchlichen Hierarchie, auf die schwere Gefährdung des orthodoxen Glaubens, auf die Verwirrung der heiligen Kirche, auf die Verdammnis der Seelen und endlich auf die Vernichtung gleicher Weise der weltlichen wie der geistlichen Ordnungen. In den Anfängen muß man aber Widerstand leisten, damit nicht durch Vermehrung der deutschsprachigen Bücher der Funke des Irrtums endlich sich zu einem großen Feuer entwickle " (Nürnberger Gutachten)

Man fürchtete jedoch nicht nur die Erschütterung dr kirchlichen Hierarchie, sondern auch die falsche Auslegung der Schrift, insbesondere dadurch, daß jeder Laie und, noch schlimmer, auch Frauen Zugang dazu hatten. Die Anhäufung von Informationen galt der Mehrzahl der Menschen im Mittelalter als ein gefährliches und verwirrendes Unterfangen. Nur für wenige Gruppen innerhalb der Geistlichkeit und für die Universitätsgelehrten tolerierte man es mit vielen Einschränkungen. Es galt das Sprichwort >je gelehrter, je verkehrter<. In Folge des Buchdrucks kam es zu einer Umkehrung dieser mittelalterlichen Haltung. Wer unbelesen war, galt bereits im 16. Jahrhundert als komische Figur. Und wer seine Informationen für sich behielt oder nur handschriftlich seinen Freunden, Familienangehörigen oder Kollegen mitteilte, wie dies in den vergangenen Zeiten üblich gewesen war, galt nicht nur als antiquiert, sondern sogar als gemeinschaftsschädigend. "Das typographische Zeitalter ist von Anfang an mit dem Anspruch aufgetreten, daß ein jeder Zugang zu den im neuen Medium gespeicherten Informatinen haben soll. Jeder, der über nützliche Kenntnisse verfügt, ist auch verpflichtet, diesen Informationsspeicher zu beschicken und sich aus ihm zu bedienen." Doch war diese ideologische Aufladung des Mediums in der frühen Neuzeit ein spekulativer Vorgriff, eine soziale Utopie. Einen besonderen Fortschritt bedeutete das neue Medium auch für den politischen Bereich. Durch die Möglichkeit zu praktisch unbegrenzter Vervielfältigung gewann der Gedanke der 'Masse' an Gewicht. Diese Neuheit wurde auch auf den politischen Bereich übertragen. Die Masse wurde höher geschätzt als die Eliten, denn es setzte sich die Annahme durch, sie stünden Gott und der Wahrheit näher als die wenigen Edlen. Dieser Gedankengang war die Voraussetzung für die Bevorzugung der Demokratie vor der Diktatur. Fachwissenschaftler sind heute aber häufig der Ansicht, daß eine politische Öffentlichkeit, die einen deutschsprachigen Text in Form eines Flugblatts aufnehmen und vebreiten konnte, bis zu dem Zeitpunkt, wo die Verbreitung der gedruckten Bücher auf breiter Front einsetzte, also bis 1470, nicht bestanden habe und auch bis zum Beginn der Reformation nicht. Da die Drucker Lohndrucker waren, also ihre Dienste zu einem bestimmten Preis anboten, wobei mit zunehmender Dichte der Druckwerkstätten der Konkurrenzkampf wachsenden Einfluß auf die Preise gewann, kam es zu einer Bindung der typographischen Kommunikation an das ökonomische System. Man konnte nun über einen wichtigen Zweig der Informationsverbreitung nur noch unter Berücksichtigung wirtschaftlicher Prinzipien nachdenken.

II E. Buchdruck und Arbeitsmarkt

Die bisher skizzierten Auswirkungen des Erfindung des Buchdruckes scheinen vordergründig lediglich gesamtgesellschaftliche Auswirkungen gezeitigt zu haben. Was aber tat sich außerhalb der vergleichsweise wenigen Druckwerkstätten auf dem Arbeitsmarkt? Die obigen Ausführungen sollten eine meines Erachtens wichtige Tatsache darlegen, nämlich daß die Einführung eines neuen Mediums solch umwälzende Einflüsse auf alle Bereiche des Lebens ausübt, daß eine genaue Begrenzung nicht mehr ohne weiteres möglich und auch nicht sinnvoll scheint. Im folgenden möchte ich kurz darstellen, welche Arbeitsschritte in einer Druckwerkstatt von der Abgabe des zu druckenden Manuskriptes bis zur AUslieferung notwendig waren: Das vorliegende Manuskript wurde zunächst von einem Korrektor gelesen, um seine Druckwürdigkeit festzustellen. Dem Setzer oblag die Einteilung der Seiten. Da auf einem einzigen Bogen die erste und die letzte Seite, die zweite und die vorletzte Seite u.s.w. einer zu bindenden Einheit gedruckt wurden, mußte die Anzahl der auf einer Seite unterzubringenden Zeichen vorausberechnet werden. Nicht nur der Abstand zwischen den Buchstaben, sondern auch derjenige zwischen den Zeilen war variabel. An der Druckmaschine waren vermutlich von Anfang an zwei Handwerker gleichzeitig beschäftigt. Während der 'Pressmeister' die fertigen Druckformen entgegennahm und in der Druckerpresse justierte, also so einlegte, daß der Papierbogen exakt bedruckt wurde, konnte eine zweite Person die Druckfarbe aufmischen und sie auf dem Farbstein verteilen. War die gewünschte Auflagenhöhe erreicht, mußte der Einfärber die Form reinigen. Die fertigen Bögen mußten einige Tage zum Trocknen aufgehängt werden. Die Bindung der Druckerzeugnisse blieb dem Käufer vorbehalten, stellte jedoch einen weiteren Arbeitsschritt dar. Wenn in der gebotenen Kürze auch nicht jeder Arbeitsschritt in allen Einzelheiten geschildert werden konnte, so zeigt sich doch zweierlei: Zum einen brachte der Ersatz handschriftlicher Informationsspeicherung durch das Typographeum eine verstärkte Arbeitsteilung mit sich und zum anderen war eine höhere Qualifikation der Arbeitskräfte erforderlich: Hatte sich ein guter Schreiber durch schnelle Reproduktion bei leserlichem Schriftbild sowie Gespür für die kunstvolle Gestaltung von Buchstaben am Seitenbeginn ausgezeichnet, so waren nun großes handwerkliches Können, Rechenfähigkeiten zur Vorausplanung des Seitenumbruches und Lateinkenntnisse vonnöten, um beim Setzen der zu Beginn der Neuzeit noch weitgehend lateinischen Texte keine Lesefehler in die Druckvorlage einzubauen. Es entstanden also Arbeitsplätze auf einem höheren Niveau hinsichtlich der Technisierung und der Anforderungen an die Arbeitskräfte. Auch brachte der Buchdruck, wie die Einführung der elektronischen Medien, einen Rationalisierungseffekt mit sich ,da nun Schriften in beliebiger Auflagenhöhe hergestellt werden konnten, anstatt für jedes Exemplar einen Schreiber zu beschäftigen. Die gegenwärtig befürchteten negativen Effekte auf den Arbeitsmarkt dürften allerdings noch keine Rolle gespielt haben, da der Buchdruck eine Marktlücke füllte, nicht aber eine Kommunikationsform, von der zahlreiche Arbeitsplätze abhingen, verdrängte.


III. Die veränderte Situation durch die Einführung der elektronischen Medien

III. A. Arbeitsplatzverlust durch Rationalisierung

Bemerkenswert erscheint mir, daß durch die Einführung elektronischer Datenverarbeitung beispielsweise in der öffentlichen Verwaltung keine Arbeitsplätze verlorengingen, obwohl man infolge der Arbeitserleichterung durch den Computer annehmen könnte, daß Arbeitskräfte hätten eingespart werden können. So waren in den USA im Jahr 1940 bei einer einer arbeitenden Bevölkerung von 50 Mio. Beschäftigten 3,4% in der öffentlichen Verwaltung beschjäftigt gegenüber 4,6% im Jahre 1988, obwohl zu dieser Zeit bereits insgesamt 115 Mio. Amerikaner im Erwerbsleben standen. Offenbar ist die von der Wirtschaftstheorie aufestellte Behauptung, Bürokratien hätten eibne grundsätzliche Tendenz zur Selbstaufblähung, hier zum Tragen gekommen und hat mögliche Rationalisierungseffekte überlagert. Des weiteren ist in sämtlichen hochentwickelten Industrienationen der Dienstleistungssektor im Wachsen begriffen. So wuchs beispielsweise der Anteil der im Groß- und Einzelhandel beschäftigten US-Amerikaner an der Gesamtzahl der Erwebstätigen zwischen 1940 und 1988 von 14,4% auf 20,3%, wobei diese Zahlen ebenfalls die gestiegene Gesamtzahl der Erwerbstätigen berücksichtigen. In gleichen Zeitraum stieg auch der Anteil der bei Banken und Versicherungen Beschäftigten von 3,1% auf 6,8%. Diese Zahlen belegen, daß auch im privatwirtschaftlichen Bereich die Behauptung, durch die Einführung elektronischer Medien seien Arbeitsplätze verlorengegangen, mit Vorsicht zu behandeln ist. Es scheint vielmehr so zu sein, daß auf einer höheren Ebene neue Arbeitsplätze entstanden sind. Neue gesellschaftliche Bedürfnisse scheinen ganz automatisch zu entstehen, wenn durch technischen Fortschritt herkömmliche Bedürfnisse mit geringerem Aufwand gedeckt werden können.

III. B. Zwei Beispiele : Die Deutsche Telekom und das Rechenzentrum der Universität Freiburg

Veranschaulichen läßt sich dieser Sachverhalt anhand eines Vergleiches hinsichtlich des Arbeitskräftebedarfes zwischen der Deutschen Telekom und dem Rechenzentrum der Universität Freiburg. Interessant sind gerade diese beiden Institutionen, da eines bereits vor der Etablierung der elektronischen Medien bestand und daher momentan einen Umstellungsprozeß durchmacht, während das andere ausschließlich die Aufgabe hat, neue technische Entwicklungen im Bereich der elektronischen Medien in seinem Wirkungsbereich, in diesem Falle der Universität, einzuführen. Die Telekom AG baut bis zum Jahr 2000 insgesamt jeden vierten Mitarbeiter ab. Dies werden bis dahin noch 30.000 Personen sein. Der Mitarbeiterstand wird am Ende dieses Schrumpfungsprozesses von 230.000 auf 170.000 Angestellte zurückgegangen sein. Gerd Lorenz, der Pressesprecher der Deutschen Telekom AG Niederlassung Freiburg, führt dies auf den zunehmenden Einsatz neuer Technik zurück, die dazu führe, daß trotz momentaner Umsatzsteigerung die Anzahl der Arbeitsplätze schrumpfe. Als Beispiel für eine neue Technik wäre die digitale Telefonvermittlung zu nennen. Bis Ende diesen Jahres werden alle Vermittlungsstellen von früher analog und mechanisch auf digital umgestellt worden sein. Durch diese Neuerung werden die für die Gesprächsvermittlung in der Zentrale notwendigen Angestellten eingespart. Statt ihrer wird nur noch eine Person zur Wartung sämtlicher nun digitaler Vermittlungsstellen gebraucht. Es ist somit die Prognose eingetroffen, die hinsichtlich der Zukunft der (damals noch) Deutschen Bundespost im Jahr 1985 erstellt wurde. Sie sah beispielsweise voraus, daß zwar die Einführung neuer Telekommunikationsdienste und die hierzu erforderliche Errichtung eines digitalen integrierten breitbandigen Glasfaserfernmeldenetzes der Post einen neuen Markt eröffnen werde, daß aber bei der Produktion der Glasfaserkabel erhebliche Rationalisierungseffekte zu erwarten seien, wenn erst umfangreichere Bestellungen die Nutzung von Größenvorteilen erlaubten. Auch für den Bereich des Elektrohandwerks sah die Studie insofern Veränderungen voraus, als mit dem zeitgleich vorangetriebenen Ausbau der Koaxialverteilnetze auf Kupferbasis zur Verteilung von Rundfunk- und Fernsehprogrammen die traditionellen Antennenanschlüsse in den Haushalten für Fernsehen und UKW überflüssig würden. Sie prognostizierte für die etwa 40.000 Elektrohandwerksbetriebe in Deutschland allerdings neue Aufgaben durch die Verteilung, den Ausbau und die Wartung der neuen Kabel auf allen Privatgrundstücken. Insofern zeichneten sich durch die Substitution der herkömmlichen Netze durch neue Anlagen also keine eindeutigen Beschäftigungsänderungen im Herstellerbereich ab. Allerdings erwartete der Autor im Anwenderbereich der neuen Telekommunikationsdienste Rationalisierungseffekte und schlußfolgerte insgesamt als Konsequenz der Durchsetzung der Neuen Medien für den Arbeitsmarkt eine Verschärfung der strukturellen Arbeitslosigkeit. Ganz anders sieht die Arbeitsplatzsituation beim Rechenzentrum aus: Es fallen im wesentlichen Arbeiten in vier Bereichen an:

1. Konzeption, d.h. Planung des weiteren Ausbaus
2. Beschaffung ( da Auswahl und Einkauf neuer Rechner einen Verwaltunsaufwand darstellen )
3. Installation
4. Wartung ( Zur Gewährleistung der dauerhaften Funktionstüchtigkeit des gesamten Systems )

Im Rechenzentrum befinden sich derzeit 52 Server für das Netzwerk und das Rechenzentrum hat 35 Mitarbeiter. Nach Angaben von Dr. Volker-Henning Winterer, dem Leiter der Abteilung Systeme und Betrieb im Rechenzentrum, wären allein für die weitere Kabelverlegung 30-50 Mitarbeiter vonnöten. Selbst wenn man die Anzahl der derzeit rund 6000 Netzanschlüsse an der Universität Freiburg nicht ausbauen wollte, sondern nur ihren Betrieb gewährleisten, bestünde Bedarf für 6 Techniker. Tatsächlich kann aber dem wachsenden Bedarf an Arbeitskräften mangels steigender öffentlicher Zuwendungen nicht Rechnung getragen werden. Obwohl hier also ein neu entstandener Arbeitsmarkt sichtbar wäre, kommt es dennoch nicht zur Neuschaffung von Stellen. Das Rechenzentrum liegt offensichtlich im derzeitigen Trend, in öffentlich finanzierten Bereichen entweder Stellen abzubauen oder doch zumindest keine neuen zu schaffen. Im Zuge öffentlichen Sparzwanges können also in näherer Zukunft neue Stellen nur dort entstehen, wo ein unmittelbarer wirtschaftlicher Anreiz besteht.

III. C. Neue Jobs durch Telearbeit?

Eine durch die Möglichkeit der Vernetzung von Computern neu entstandene Form der Erwerbsarbeit ist die Telearbeit. Dies bedeutet, daß Mitarbeiter einer Firma ihrer Tätigkeit zu Hause am Computer nachgehen können und die Ergebnisse via Netz an die Firma übersenden. Der Vorteil für den Arbeitnehmer besteht darin, daß sie ihre Arbeitszeit frei einteilen können und so beispielsweise nebenher die Betreuung von Kindern möglich wird. Die Unternehmen können das häusliche Umfeld ihrer Mitarbeiter nutzen und auf diese Weise die Investitionen und laufenden Kosten für die Bereitstellung eines Büros im firmeneigenen Gebäude sparen. So wächst unter Umständen der Anreiz, neue Stellen zu schaffen, weil die Gesamtkosten für die Arbeitgeber sinken. Allerdings hat die Telearbeit auch für beide Seiten nicht zu übersehende Nachteile: Arbeiten die Angestellten zu Hause am Computer, so fehlt die persönliche Kommunikation und dies kann zu gravierenden Verzögerungen im Arbeitsablauf führen, da auch kleinere Schwierigkeiten nicht mehr auf die Schnelle, sondern erst nach Terminabsprache ausgeräumt werden können. Dieses Kommunikationsdefizit dürfte auch das Klima in einer Firma und damit die Arbeitsmoral negativ beeinflussen. Für die Mitarbeiter wird durch die Heimarbeit eine Trennung von Privatleben und Beruf unmöglich und es entsteht unter Umständen das Gefühl, nie Feierabend zu haben. Die Telekom sieht jedoch in der Schaffung von Telearbeitsplätzen Chancen für neue Stellen. Nach Angaben von Gerd Lorenz ist man sich allerdings momentan noch darüber im Unklaren, ob dies wirklich zur Schaffung neuer Stellen führen wird oder ob es sich lediglich um eine Verlagerung eines Teiles der Arbeitswelt nach Hause handelt. Zuverlässige Studien dazu existieren gegenwärtig noch nicht. Eine kleine Umfrage der Zeitschrift Funkschau zeigt jedoch, wie uneins sich auch Experten über die Zukunftschancen dieser neuen Arbeitsform sind. So prognostiziert Bernhard Jagoda, der Präsident der Bundesanstalt für Arbeit, bei einem derzeitigen Bestand von etwa 150.000 Telearbeitsplätzen in Deutschland , ein Potential von bis zu 3 Mio. zusätzlichen Arbeitsplätzen. Zwar werde Telearbeit derzeit noch bestehende Arbeitsplätze überflüssig machen, doch sei unter dem Strich ein Zuwachs zu erwarten, vor allem in den typischen Bereichen Daten- und Texterfassung, Sekretariats- und Verwaltungsarbeiten, aber auch Architektur, Design und Ausbildung. Jagoda glaubt an die künftige weitere Verbreitung von Telearbeit, da es kaum noch Argumente für eine rigide räumliche Konzentration von informationsbezogener Arbeit geben werde. Dr. Heinz Gernhäuser, der Leiter des Frauenhofer Instituts Integrierte Schaltungen, stimmt dieser Einschätzung zu, da viele der heutigen Dienstleistungen "informatisierbar" seien. Allerdings wendet er ein, daß solche Diestleistungen auch leicht "flüchtig" seien, da sie an jedem Ort der Erde erbracht werden könnten. Sie unterlägen also dem imnternationalen Wettbewerb. Chancen für eine Zunahme der Stellen in Deutschland sieht er aber aufgrund der Aspekte 'örtliche Nähe zum Auftraggeber' und 'hohe Ausbildungsqualität'. Ebenfalls optimistisch ist Birgit Godehardt, die Geschäftsführerein der Telearbeit GmbH. Sie hält allerdings auch schon die Möglichkeit, daß Arbeitsplätze nicht neu entstünden, sondern lediglich verlagert und damit erhalten würden, bereits für einen Erfolg, da Telearbeit für Unternehmen eine hervorragende Möglichkeit darstelle, den sich verändernden Marktbedingungen und dem Strukturwandel zu begegnen. Veronika Altmeyer, Mitglied des Geschäftsführenden Hauptvorstandes der deutschen Postgewerkschaft, ist pessimistischer, da sie beim Thema Telearbeit das Rationalisierungspotential sowie die Gefahr der Auslagerung der Arbeit in Billiglohnländer im Vordergrund sieht. Diese kurze Darstellung von vier ExpertInnenenstimmen zeigt, daß in puncto Telearbeit sichere Voraussagen nicht zu machen sind. Auffallend ist die Bedeutung des Globalisierungseffektes, dem im Hinblick auf den Arbeitsmarkt (nicht nur hinsichtlich der Neuen Medien) große Bedeutung beigemessen wird, obwohl derzeit nur etwas mehr als 3% der jährlichen Neuinvestitionen in Billiglohnländern außerhalb der OECD-Staaten getätigt werden. Als Gründe werden die mangelnde Infrastruktur und der zu niedrige Ausbildungsstand der Arbeitskräfte in diesen Staaten genannt. Daß auch die Bundesregierung an die Zukunft der Telearbeit glaubt, zeigt sich an einem gemeinsamen Förderprogramm des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie und der Deutschen Telekom. Da gegenwärtig die Vorteile der Medienvernetzung und des Internet nach Auffassung des Ministeriums in mittelständischen Unternehmen noch nicht ausreichend genutzt werden, stellt ein Förderprogramm 10. Mio. DM zur Verfügung, um Neuinvestitionen in diesem Bereich finanziellzu unterstützen. Dies soll kleine und mittelständische Unternehmen in ihrem Bemühen um internationale Wettbewerbefähigkeit unterstützen, da nach den Worten von Bundesminister Dr. Jürgen Rüttgers Kundennähe und Schnelligkeit im sich verschärfenden internationalen Wettbewerb immer mehr an Bedeutung gewinnen. Der Minister hofft, eine Gründungsoffensive für Telearbeit auszulösen und so erhebliche Investitionen in Computer, Software, Modems und Drucker anzuregen. Er hält eine Größenordnung von mehreren hundert Mio. DM pro Jahr für möglich.

III. D. Herstellung von Hard- und Software

Die letztere Erwartung leitet über zu einem weiteren Aspekt des sich durch die Medienrevolution verändernden Arbeitsmarktes: Der Herstellung von Computern und den dazugehörigen Programmen. The Economist prognostizierte für 1995 den weltweiten Neuerwerb von 15 Mio. Heimcomputern und damit verbunden eine Senkung der Kosten für Hochgeschwindigkeitsdatenanschlüsse. Diese Verkaufszahlen ziehen für die Produktion der Rechner eine entsprechende Zahl an Arbeitsplätzen nach sich. Gordon Moore, der Gründer von Intel, hat aus der bisherigen Entwicklungsgeschichte der Computertechnologie das Gesetz abgeleitet, daß die Kapazitäten der Rechner sich alle 18 Monate verdoppeln. Wirkt dieses Gesetz weiter, so würde dies auch künftig ein exponentielles Wachstum der Technologie vermuten lassen, welches nur durch weitere Entwicklungstätigkeit bewerkstelligt werden kann. Es ist bemerkenswert, daß die großen Namen im Internet nicht Apple, IBM oder NEC heißen, sondern daß eine Ansammlung junger Firmen, Studenten und Unternehmen das Netz erhält. Allein in Amerka bestehen über 600 Firmen, die Telefonleitungen leasen und für die Internet-Benutzer zur Verfügung stellen. Fast alle sind unter fünf Jahre alt. Es wird nicht nur eine wachsende Zahl von Programmierern benötigt, um stets neue Programme für benutzerfreundlichere oder anderweitig verbesserte Anwendungen zu schaffen, sondern gerade im Bereich des Internet eröffnet die zunehmende Verbreitung immer neue Anwendungsmöglichkeiten. So existiert beispielsweise in den USA bereits eine Reihe von Programmen, die nur dazu dienen, Kinder vor nicht für sie geeigneten Seiten im Internet zu schützen. Das Programm "Cyber Patrol" läßt sich unbemerkt in den Arbeitsspeichher eingeben und zeichnet alles auf, was der Anwender im Netz treibt. So können besorgte Eltern nachprüfen, wo ihr Kind sich aufgehalten hat. Für denselben Gebrauch im Büro gibt es "Cyber Sentry". Andere Programme wie "Net Nanny", "Surf Watch" und "Cyber Sitter" ermöglichen den Eltern, einzustellen, welche Internet-Angebote fürs Kind gesperrt bleiben sollen. Die Software blockiert dan automatisch die Übertragung. Der Internet-Dienst America Online hat nach eigene Angaben 200 Mitarbeiter eingestellt, die sich in Unterhaltungen in den "Chat rooms" einklinken. Da sich an diesen virtuellen Unterhaltungen per Tastatur auch Kinder beteiligen, lockt dies Pädophile an. Diese können versuchen, die Kinder in ein momentan leeres Zimmer zu locken und sie dort anzusprechen. Entdeckt ein Verfolger einen Benutzer, der einem Kind sexuelle Avancen macht, wird dieser sofort des Netzes verwiesen.

III. E. Grenzenloses Einkaufsvergnügen?

Versandhäuser und Direktbesteller erhoffen sich vom Internet eine Ausweitung ihrer Geschäfte. Auch in den kommerziellen Diensten wie America Online, Compuserve, Europa Online, T-Online und dem Microsoft Network werden Kommerz und Werbung immer augenfälliger. Die Ansichten, inwieweit sich das Netz als Einkaufsmöglichkeit in Zukunft durchsetzen wird, gehen jedoch weit auseinander, da es noch an sicheren Zahlungsmöglichkeiten fehlt. So kann ein Käufer beispielsweise nicht hundertprozentig sichergehen, daß seine Kreditkartennummer wirklich bis zu ihrem Bestimmungsort geheim bleibt. Es muß sich daher erst noch zeigen, ob sich das Geschäft lohnt oder ob der Boom in zwei Jahren wieder zusammenfällt, wie einige Skeptiker vermuten . Microsoft arbeitet allerdings an Möglichkeiten, die Identität von Anbietern und Käufern zweifelsfrei festzustellen. Auch im Falle einer erfolgreichen Etablierung des Netzes als Einkaufsmedium steht jedoch noch aus, ob sich damit wirklich neue Arbeitsmöglichkeiten verbinden oder ob einfach nur ein Teil des bisherigen Geschäfts- und Zahlungsverkehrs statt per Post via Netz abgewickelt wird. Der Kritiker Clifford Stoll behauptet, daß 1996 nur 25.000 Mark Umsatz täglich von allen Online-Unternehmen zusammen gemacht worden seien. Er glaubt auch nicht an ein weiteres Wachstum und führt dies darauf zurück, daß Einhkaufen per Netz dem Kunden das Erlebnis nehme, das Geschäft selbst zu besuchen. Die Waren ließen sich nur über Preise vergleichen, nicht aber über Schaufenster oder Fotos. Dem ist jedoch entgegenzuhalten, daß auch Versandhäuser große Umsätze machen, obwohl nicht alle Kataloge auf Hochglanzpapier gedruckt sind. Ein Schaufenster haben Versandhäuser ebenfalls nicht. Das Internet ist somit eher eine Möglichkeit für Leute, die aus Zeitmangel oder mangelnder Freude am Einkaufsbummel gar nicht das Bedürfnis nach dem "Life"-Erlebnis verspüren. Ein Problem stellt allerdings die Langsamkeit des Netzes dar. Dies bezeiht sich nicht nur auf den Zeitraum, bis das Netz die angeforderten Daten, vor allem in den Stoßzeiten während eines regulären Arbeitstages, liefert, sondern auch auf die Dauer der Suche, bis der Interessent überhaupt weiß, wo er das gewünschte Produkt findet. Braucht der Kunde eine halbe Stunde für die Bestellung einer CD, so kann er in der gleichen Zeit selbst in einen Plattenladen gehen.


IV. Schlußbetrachtung

Wenn auch häufig, erstaunlicherweise auch nicht im Internet, ganz aktuelle Zahlen zu finden waren, beispielsweise über die Gesamtzahl der Beschäftigten in der Computerbranche, so glaube ich dennoch, daß die vorliegenden Daten die Auswirkungen der elektronischen Medien auf den Arbeitsmarkt nachzeichnen konnten. Zwar treten in verschiedenen Bereichen Rationalisierungseffekte ein, doch haben sich auch völlig neue Erwerbszweige aufgetan. Überträgt man die These, die Michael Giesecke anhand des Buchdruckes aufgestellt hat, auf die Einführung der elektronischen Medien ,so ergäbe sich folgendes: Die Erfindung des Computers konnte sich nur etablieren, weil gesellschaftlich der Wunsch, also ein Bedarf bestand. Wäre dies nicht der Fall gewesen, so hätte er sich nichr durchgesetzt, sondern wäre wieder in Vergessenheit geraten, bezeihungsweise erst gar nicht in Erscheinung getreten. Besteht aber ein gesellschaftlicher Bedarf, so kann er sich nicht nur darauf richten, bereits vorhandenes zu rationalisieren. Auch mit Giesecke ließe sich also herleiten, daß die neuen Medien auch neue Bereiche erschließen und besetzen. Zu argumentieren, die derzeit schnell wachsende Arbeitslosigkeit sei ausschließlich auf Rationalisierung, also somit auch wesentlich auf die technischen Neuerungen durch den Computer zurüchzuführen, erscheint mir deshalb zu kurz gegriffen. Die derzeit leider wieder im Abflauen begriffene Debatte um eine ökologische Steuerreform verbunden mit dem Ansinnen, für die Unternehmen die Einstellung neuer Arbeitskräfte durch gesenkte Lohnnebenkosten interessanter zu machen, scheint mir einen plausibleren Lösungsansatz aufzuzeigen, eben die Verbilligung des Faktors Arbeit. Bedauerlicherweise zeichnet sich jedoch nicht eine Lösung dieses Problems durch eine Umverteilung der Kosten vom Faktor Arbeit auf den Faktor Energieverbrauch ab, sondern ein wachsender Druck auf Löhne und Arbeitsrecht, letzteres vor allem mit Blick auf die positive Entwicklung des Arbeitsmarktes in den Vereinigten Staaten. Die Orientierung am amerikanischen Modell erscheint mir jedoch fragwürdig, da es meines Erachtens nicht angehen kann, daß die Höherentwicklung einer Gesellschaft durch technischen Fortschritt einhergeht mit einer rückläufigen Wohlfahrt durch die Zunahme ungesicherter Arbeitsplätze mit Unterbezahlung und längerer Arbeitszeiten. So ist es in US-amerikanischen Krankenhäusern beispielsweise üblich, daß das Personal unter der Woche von morgens um 5.30 Uhr bis abends um 20 Uhr Dienst hat, wobei noch zweimal pro Woche Nachtbereitschaft hinzukommt. Dies gilt auch für Ärzte, die am Tag nach einer Nachtbereitschaft operieren müssen, also deutlich übernächtigt sein dürften. Diese Ausführungen geben nur meine persönliche Meinung wieder, fest steht jedoch, daß sich ein weiterer Bedeutungszuwachs des Internet wie der elektronischen Medien im allgemeinen nicht verhindern lassen wird, wie auch immer man diese Entwicklung beurteilen mag.


V. Literaturverzeichnis

1. Selbständige Schriften

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Haefner, Klaus (1984): Mensch und Computer im Jahre 2000. Basel: Birkhäuser Verlag.

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Werner, Andreas/ Stephan, Ronald (1997): Marketing-Instrument Internet. Heidelberg: Verlag für digitale Technologie

Ziegler, Armin (1992): Deutschland 2000. Düsseldorf: ECON Verlag.

Zey, René (1995): Neue Medien - Informations- und Unterhaltungselektronik von A bis Z. Reinbek: Rowohlt Taschenbuchverlag.

2. Zeitungsartikel und Pressemitteilungen (in chronologischer Reihenfolge):

Quéau, Philippe: "Ein Medium für das 21. Jahrhundert" in: Le Monde Diplomatique vom Juni 1995, S.11.

ohne Verfasser: "A Survey of the Internet-The Accidental Superhighway" in: The Economist vom 1. Juli 1995, S. 5-20.

Mattelart, Armand: "Von der Kanonenbootpolitik zu einer Diplomatie der Netze" in: Le Monde Diplomatique vom August 1995, S.14-15.

Dworschak, Manfred: "Netzbeschmutzer" in: DIE ZEIT Nr. 4 vom 19. Januar 1996, S.15-17.

Augstein, Jacob: "Der große Bluff der Medienmanager" in: Süddeutsche Zeitung Nr.34 vom 10./11: Februar 1996, S.8.

Müller, Frank: "Im Netz der guten Hoffnung" in: Süddeutsche Zeitung Nr. 34 vom 10./11. Februar 1996, S.9.

ohne Verfasser: "Grenzenloswese Einkaufsvergnügen?" in: Süddeutsche Zeitung Nr. 34 vom 10./11. Februar 1996, S.9.

ohne Verfasser: "The Economics of the Internet-Too Cheap to Meter?" in: The Economist von 19. Oktober 1996, S.21-23.

ohne Verfasser: "Neue Arbeitsplätze" in: Funkschau Nr.3 vom März 1997, S.25.

Gemeinsame Pressemitteilung der Deutschen Telekom AG und des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie: "Telearbeit im Mittelstand - Rüttgers und May stellen innovatives Förderprogramm vor" vom 10.3.1997.

3.Persönliche Gespräche

Dr. Volker-Henning Winterer, Leiter der Abteilung Systeme und Betrieb des Rechenzentrums der Universität Freiburg

Tim Bussiek, Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Abteilung II Telematik des Instituts für informatik und Gesellschaft der Universität Freiburg

Gerd Lorenz, Pressesprecher der Deutschen Telekom Niederlassung Freiburg

Mark Praetorius, derzeit Absolvent eines praktischen Jahres im Waterbury Hospital in Waterbury/USA