| Forschungsprojekte |
Claus D. Pusch arbeitet(e) an folgenden Forschungsprojekten:
| Subordinationsbasierte Diskursmarker im interromanischen Vergleich |
Claus Puschs Habilitationsprojekt, das an das internationale Forschungsprojekt CIEL_F anknüpft,
befasst sich mit Diskursmarkern, die aus Konstruktionen mit syntaktischen Subordinationsstrukturen hervorgegangen sind.
Typische Vertreter solcher subordinationsbasierter Konstruktionen mit pragmatisch-intersubjektiver Bedeutung sind die
parenthetischen Verben des Denkens, Wahrnehmens und Äußerns, daneben sind auch Inferentialkonstruktionen vom
Typ span. es que / frz. c'est que, Kopulakonstruktionen des Typs span. la verdad es que und
Pseudo-Cleft-Konstruktionen wie kat. el que passa és que zu dieser Gruppe zu rechnen. Subordinationsbasierte
Diskursmarker zeichnen sich u.a. dadurch aus, dass sie in dem Maße, wie sie pragmatisch-(inter-)subjektive Funktion
erlangen, ihren sententiell-subordinativen Charakter reduzieren; diese Entwicklung ist einem Grammatikalisierungsprozess
nicht unähnlich, allerdings entspricht er auch nicht allen üblicherweise angelegten Parametern von
Grammatikalisierung, so dass hier besser von einer Pragmatikalisierung der involvierten Subordinationskonstruktionen zu
sprechen ist.
Das Projekt hat sich zum Ziel gesetzt, die subordinationsbasierten Diskursmarker der romanischen Sprachen korpusbasiert
zu inventarisieren und in ihrer Distribution und Funktionalität zu beschreiben.
| CIEL_F (Corpus International Ecologique de la Langue Française) |
Das von Stefan Pfänder, Claus Pusch und Wolfgang Raible initiierte und von Stefan Pfänder koordinierte internationale Forschungsvorhaben CIEL_F hat sich zum Ziel gesetzt, ein multimediales Korpus des Weltfranzösischen in Form einer Online-Datenbank und offline konsultierbaren Derivaten zusammenzustellen. Dieses Korpus soll einen Vergleich einer Großzahl von französischen Varietäten in Europa, Nord- und Mittelamerika, Afrika und im pazifischen Raum insbesondere hinsichtlich syntaktischer, funktional-pragmatischer und diskursiver Fragestellungen erlauben. Es nimmt sich das anglistische Korpusprojekt ICE (International Corpus of English) zum Vorbild (ohne es in Struktur und Umfang erreichen zu wollen) und versteht sich als komplementär zum Projekt PFC (Phonologie du Français Contemporain). Das Projekt CIEL_F entsteht in einem internationalen Forschungsnetzwerk, das zahlreiche Fachkolleginnen und -kollegen aus Europa und Übersee umfasst; Forum für die Präsentation des Fortgangs dieses Projekts ist die alle drei Jahre in Freiburg stattfindende Arbeitstagung zur Romanistischen Korpuslinguistik, deren Mitorganisator und federführender Koordinator Claus Pusch ist, der über das Team der Professur Pfaender auch in das Projekt CIEL_F integriert ist und in diesem Rahmen die Erstellung eines akadisch-französischen Teilkorpus plant.
| Sintaxi històrica de la llengua catalana |
Ziel des von Josep Martines (Universität Alacant) und Manuel Pérez-Saldanya (Universität València) initiierten Projekts Sintaxi històrica de la llengua catalana ist die Erstellung einer ausführlichen deskriptiven Grammatik des Altkatalanischen und seiner Entwicklung bis zur neukatalanischen Epoche auf der Grundlage eines editionsphilologisch exakten und repräsentativen Korpus. Das Projekt ist dabei vergleichbar mit dem von Concepción Company (México) geleiteten Forschungsvorhaben Sintaxis histórica de la lengua española, die entstehende historische Grammatik des Katalanischen soll außerdem die von Joan Solà koordinierte ausführliche wissenschaftliche Grammatik des Gegenwartskatalanischen, Gramàtica del català contemporani, ergänzen. Das elektronische Korpus CICA (Corpus Informatitzat del Català Antic), das die einheitliche empirische Grundlage der Teilprojekte der Sintaxi històrica bildet, wird von Joan Torruella (Universitat Autònoma de Barcelona) betreut. Claus Pusch ist an diesem Forschungsvorhaben mit einem Teilprojekt zur Imperativität im Altkatalanischen beteiligt.
| Enunziative in romanischen und in anderen Sprachen |
In den meisten Varietäten des Gaskognischen, eines im Südwesten Frankreichs gesprochenen okzitanischen Idioms, wird in affirmativen Hauptsätzen sowie in bestimmten interrogativen Äußerungen und subordinierten Propositionen ein Element gesetzt, das man traditionell als "Enunziativ" bezeichnet. Dieses Enunziativ tritt vor den Verbalknoten (und vor eventuelle Klitika) und trennt damit die Verbalgruppe von der Konstituente, die in Satzerststellung steht, sofern diese Position lexikalisch oder pronominal gefüllt ist. Ein typischer gaskognischer Hauptsatz sieht also wie folgt aus:
La soa mair qu' èra estada en çò
d'ua familha anglesa
Seine Mutter hatte bei einer englischen Familie gewohnt
Das gaskognische Enunziativ, das sich je nach syntaktischer Umgebung in den Allomorphen "que", "e" sowie als Nullmorphem manifestiert, wurde von einem Teil der damit befaßten Linguisten als rein morphosyntaktisches Phänomen interpretiert. Die meisten Sprachwissenschaftler, die sich mit diesem präverbalen Marker befassen, gehen jedoch übereinstimmend von einer pragmatischen Herleitbarkeit und Funktionalität des Elements aus (so vor allem Field 1985, Wüest 1985, Pilawa 1990). Auch die Dissertation von C. Pusch reiht sich in diese Argumentationsrichtung ein, in dem sie im Anschluß an Haase 1994 einen Bezug zwischen der Informationsstruktur und der Fokus-Hintergrund-Gliederung im Gaskognischen sowie der Distribution des Enunziativs hergestellt. Pusch vertritt dabei die These, daß das saliente Element des gaskognischen Hauptsatzes, das präverbale que, aus einer - diachronisch wohl formal reduzierten - Satzspaltungsstruktur herstammt. In der Arbeit (Pusch 1998) wird der Versuch unternommen, aufgrund areal- und allgemeintypologischen Vergleichs mit anderen romanischen und nicht- romanischen Sprachen eine Rekonstruktion eines Reanalyseverlaufs zu unternehmen, der vom relativsatzähnlichen Spaltsatz, der im Romanischen hauptsächlich als Fokalisierungskonstruktion eingesetzt wird, zum unmarkierten Hauptsatz des Gaskognischen führt (eine diachronische Überprüfung an Textbelegen ist kaum möglich, da das Enunziativ als "typisch volkssprachliches" Element kaum Eingang in die okzitano-gaskognische Skripta gefunden hat).
Grundlage der Analyse und Rekonstruktion ist die Verteilung und funktionale Interpretation des Enunziativs im heutigen gesprochen Gaskognisch. Dazu wird auf ein entsprechendes Korpus zurückgegriffen, das Bestandteil der entstehenden Arbeit sein wird. Bei der Auswertung dieser Sprachdaten bestätigt sich die fast vollständige Generalisierung der Setzung von "que" als Hauptsatzenunziativ bzw. sein Fehlen in Kontexten, in denen die präverbale Position durch den Negationsmarker besetzt ist, sowie in bestimmten Typen von Propositionen, die mit Pilawa 1990 und Haase 1994 als thetisch zu bezeichnen sind. Ausschlaggebend für die Setzung vs. Nicht-Setzung des Enunziativs in syntaktischen Kontexten, die (noch) eine paradigmatische Variabilität erlauben, ist also der prädikative Charakter und der Grad der Assertion der Äußerungskomponente. Dadurch erklärt sich die von Hetzron 1977 auf der Grundlage literarischen Sprachgebrauchs gemachte Beobachtung einer zunehmenden Generalisierung des enunziativen que in bestimmten untergeordneten Sätzen, vor allem in Kompletivsätzen, und das Fehlen des Enunziativs in Äußerungen mit syntaktischem Hauptsatzstatus, die aber pragmatisch untergeordnet, da schwach assertiert sind, wie z.B. verba dicendi et cogitandi in parenthetischem Gebrauch.
Obwohl das Enunziativ des Gaskognischen, was den Grad der Morphologisierung und Generalisierung anbetrifft, ein Unikum unter den romanischen Sprachen darstellt, zeigt sich bei einem Vergleich mit anderen gesprochenen Varietäten der Romania, so etwa mit oralen Registern des Französischen und des europäischen Portugiesisch, eine Tendenz zur Ausbreitung und Fixierung von ursprünglich der Fokalisierung dienenden Satzspaltungskonstruktionen. Dabei verringert sich das fokalisierende Potential dieser Konstruktionen, ihre diesbezügliche pragmatische Verfügbarkeit nimmt ab. Zugleich aber können im fortgeschrittenen Stadium sekundäre funktionale Oppositionen aufgebaut werden (etwa zu Negatoren, vor allem jedoch auch zu adverbialen Elementen als Instanzen expressiven Sprechens), die neue Möglichkeiten eines modalisierenden Gebrauchs der Hervorhebungselemente zulassen. Eine vergleichbare Entwicklungslinie von primär Nomina fokalisierenden Konstruktionen über einen das Verb fokalisierenden Marker hin zu einer den Sprechakt modalisierenden präverbalen Partikel findet sich auch beim Ausblick auf Vergleichsphänomene in außerromanische Sprachen (Somali, Bantusprachen, Quechua), wie in Puschs Arbeit exemplarisch gezeigt wird.
Die im Rahmen der Dissertation erstellte Textsammlung, Corpus Occitano-Gascon (COG) genannt, umfaßt Transkriptionen von ca. 3,5 Stunden Dauer in gesprochenem Gaskognisch, die vor allem im Béarn, in der Chalosse und den Landes aufgezeichnet wurden. Es gliedert sich in 13 Teilkorpora mit möglichst großer Textsortenvarianz und Streuung auf der Skala von Nähe- bis gemäßigter Distanzsprache. Es folgt darin den im Freiburger Sonderforschungsbereich 321 "Übergänge und Spannungsfelder zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit" im Anschluß an Koch/Oesterreicher 1985 erarbeiteten Prinzipien der Korpuskonstitution. Die Notationsweise entspricht der sog. Halbinterpretativen Arbeitstranskription HIAT, wobei neben der orthographischen Transkription des Gesprochenen eine interlineare Morphemglossierung und eine idiomatisierte deutsche Übersetzung geliefert werden. Die Auswahl der Informanten und Themen und der umfangreiche Anmerkungsapparat machen das Korpus auch für soziolinguistische Fragestellung nutzbar. Wichtig war nämlich, neben den von der traditionellen Dialektologie bevorzugten älteren Sprechern auch junge, tlw. Semi- oder Neo-Sprecher des gaskognischen Okzitanisch aufzunehmen, um deren (konformen oder innovativen) Umgang mit dem Sprach- und spezieller dem Enunziativsystem zu untersuchen. Insofern finden sich in den Texten zahlreiche Sprachkontakterscheinungen dokumentiert, die vom Eindringen des dominanten Idioms Französisch nicht nur in die Lexik und Idiomatik, sondern auch die Syntax des Gaskognischen zeugen.
C. Puschs Arbeit "Präverbale Marker im gesprochenen Gaskognisch" entstand im Rahmen von Wolfgang Raibles Forschungsprojekt "Enunziative in romanischen und in anderen Sprachen" und wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert (1995/96 im Rahmen des Schwerpunktprogramms "Sprachtypologie", 1997/98 als Einzelprojekt). Sie wurde im Wintersemester 1998/99 vom Gemeinsamen Ausschuß der Philosophischen Fakultäten der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg als Dissertation angenommen.
| Aus dem Forschungsprojekt hervorgegangene Publikationen: |
| Weitere ausgewählte Literatur zum Projektthema: |
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Seite gestaltet von C.P. Letzte Aktualisierung: 18.08.2009 |
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