Formen des Wiedererzählens. Konstanz und Variation aus sprachwissenschaftlicher und psychologischer Perspektive

Der wesentliche Fortschritt und innovative Beitrag des geplanten Projekts „Formen des Wiedererzählens. Konstanz und Variation aus sprachwissenschaftlicher und psychologischer Perspektive” wird darin bestehen, Mehrfacherzählungen des gleichen Sprechers bzw. der gleichen Sprecherin hinsichtlich der Veränderungen zunächst mit sensiblen und genuin linguistischen Analyseprozeduren zu untersuchen, die sich aus der zeitlichen Distanz und/oder den unterschiedlichen Erzählanlässen ergeben.

Mithilfe dieses analytischen Instrumentariums lassen sich darauf aufbauend psychologische Fragen der Bewältigungsleistung und der beteiligten identitätssichernden Prozesse durch die erzählerischen Strategien rekonstruieren.

Bereits vorliegende Versuche, wie solche sprachlichen „Akte der Bewältigung traumatischer und belastender Erlebnisse und Erfahrungen als wissenschaftliche Datenbasis dingfest zu machen sind“ (Lucius-Hoene 2002: 168), werden von uns aufgegriffen und weiterentwickelt – so zum Beispiel die von Fabeck (2010) entwickelten „Kategorien der Veränderung“ als Instrument vergleichender Analysen und als Indikator für das Ausmaß der Bearbeitung oder Bewältigung traumatischer Erlebnisse. Der „Zunahme narrativer Rekonstruktionen biographischer Inhalte“ und der „Abnahme der Verwendung vorgeformter Strukturen“ kommt hier möglicherweise besondere Bedeutung zu.

Bisher wurden Wiedererzählungen in der Forschung zumeist an einzelnen, kontextspezifisch entstandenen Daten untersucht. Hier ermöglicht es die Erstellung und Nutzung eines Retold Stories Archive, für das im Rahmen des Projektantrags eine erste Skizze der Internetpräsenz entworfen wurde (www.retold-stories-archive.org), systematische Variationen im Hinblick auf Entstehungskontext, Erzählsituation und -anlass, Funktionen des Erzählens und Bedeutungszuweisungen der Erzähler zu untersuchen und vergleichend zu kontrastieren.

Grundlage für den wesentlichen Erkenntnisfortschritt des geplanten Projekts ist also die Zusammenarbeit der Sprachwissenschaft mit der Psychologie und der Aufbau eines variationsreichen Datencorpus als gemeinsamen Bezugspunkt. So können erstmals die veränderlichen und konstanten Merkmale von Wiedererzählungen auf sehr unterschiedlichen Ebenen systematisch aufgezeigt werden, u.a.:

§ durch das grundlegende, in allen Datenauswertungen zum Tragen kommende methodische Instrumentarium der Formulierungsarbeit,
§ durch das Auffinden von geronnenen sprachlichen Makroeinheiten, Versatzstücken, Formeln, welche samt einer ihnen eigenen Intonationsgestalt wieder aufgegriffen werden,
§ durch die konversationsanalytische Nachzeichnung der exakten Sequenzialität der Versionen im dialogischen Sprechen,
§ durch die Herstellung, Evaluierung und Umformung von biographischen Erfahrungen in der lebensgeschichtlichen Rückschau und im zeitgeschichtlichen Kontext,
§ durch die systematische Ausschöpfung der erzählerischen Varianten des Datencorpus hinsichtlich Kontext, Anlass, Formgestalten und Zielen des Erzählens,
§ durch die Positionierungsanalysen als Instrument der Erarbeitung von Identitätsveränderung und -wahrung sowie der Selbstverhandlung im sozialen Raum des Erzählten und des Erzählens,
§ durch das Aufzeigen des Bewältigungspotentials der sprachlichen Formulierungs-leistungen auf den Ebenen von Sinnstiftung, Selbstverständigung und Selbstwert.

FinanzierungFritz Thyssen Stiftung
Zeitraumseit 2011
Homepagehttp://retold-stories-archive.org/