Albert-Ludwigs-Universität | Romanisches Seminar
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Konzept des Kolloquiums als Exposé:

 

I. Europa und Amerika am Frankreichzentrum

Das Kolloquium « Migrations et transcriptions: Europe et Amérique latine de voies en voix » knüpft an eine junge Tradition am Freiburger Frankreichzentrum an, mit der die Beziehungen Europas zu Lateinamerika unter besonderer Berücksichtigung Frankreichs in den Blick genommen werden sollen. Die Ergebnisse des 2004 durchgeführten Kolloquiums erscheinen in diesem Jahr bei L’Harmattan unter dem Titel « France – Amérique latine: Croisement de lettres et de voies » (hgg. von Walter Bruno Berg und Lisa Block de Behar). Wenn auch die vielfältigen Wegkreuzungen für das neue Kolloquium wieder aufgenommen werden, so geschieht dies doch mit neuer Akzentuierung: der Stimme des Migranten und ihrer Transkriptionen.

II. Vom Weg zur Stimme

De voies en voix – unser Ziel besteht darin, den Reflex der Wege in den Stimmen der Migranten zu erfassen, in ihren medialen, fiktionalen und „transkriptiven“ Brechungen: im Interview, im Roman, auf der Theaterbühne, im Dokumentar- oder Spielfilm. Der Stimme wird Verantwortung zugesprochen. Sie hat etwas mitzuteilen. Die –immer auch „biographisch“ verortete– Stimme ist, an einen Körper zurückgebunden, sowohl Urheber als auch Opfer kultureller Prozesse. Die Erfahrung, an einem Ort zu sein, der nicht der eigene ist, ja keinen eigenen Ort zu haben, ist gleichermaßen inspirierend, wie schmerzhaft. Wenn, um mit Nietzsche zu sprechen, nur was wehtut, erinnert werden kann, so geht es uns darum, über die Stimmen der Migranten in ihren vielfältigen Modifikationen zu jenem Schmerz vorzustoßen, der die Grundlage kultureller Kreativität bildet.

Die Stimme des Migranten erinnert einen Ursprung, der im Aufschub einer Bewegung der différance erst vor dem Hintergrund des Zielorts fassbar wird, doch ist dieser Zielort selbst imaginär und fassbar allein in der Spur der Erinnerungsbewegung. Weg (voie) und Stimme (voix) sind im Französischen bei unterschiedlicher Schreibung identisch im Klang. Interessanterweise hat das chinesische Wort « Dao » ebenfalls bei gleicher Aussprache zwei Bedeutungen: Weg und Stimme (oder Sprechen). Daran erinnert François Cheng, chinesischer Immigrant in Frankreich, heute Mitglied der Académie Francaise (F. Cheng, Le Dialogue, Paris 2002). 

III. Migration und Transkription

Vor dem Hintergrund postmoderner Infragestellungen von Stimme zu sprechen, bedarf der Rechtfertigung. Es kann sich deshalb nicht um jene Stimmen handeln, die, sich selbst im Reden vernehmend, einen ungeteilten Authentizitätsanspruch einfordern (vgl. S. Krämer und D. Kolesch, Stimme, Frankfurt 2006). Die Stimme ist immer gebrochen, immer schon außer sich, verwoben in diskursive Schlingen und Transformationen. Jacques Derrida ist diesem Phänomen in seinem Werk nachgegangen. Eine zeitgenössische Theorie der Stimme kann nicht hinter den Verstehenshorizont zurückfallen, der durch den Derridaschen Begriff der différance, der Verräumlichung, der Spur und der Iteration eröffnet wird.

Die Prozesse der Transformationen sollen im Zentrum der gemeinsamen Arbeit des Kolloquiums stehen. Diese Prozesse gehen der Herausbildung jener Wirklichkeitsmodelle logisch voraus. Ihrem Wesen nach sind sie instabil, an die performance bestimmter Raum-Zeit-Koordinaten, die Intertextualität unterschiedlicher Diskurstraditionen, die Intermedialität verschiedenartiger Übertragunsformen und Dispositive gebunden. Der grundsätzlich ambivalente Charakter dieser Prozesse verbindet sie einerseits mit den Hybridisierungsprozessen, wie sie im Zentrum der Postkolonialsmus-Forschung (etwa Homi Bhabahas) stehen, andererseits mit den allgemeinen Prozessen kultureller Semantisierung, wie sie auch Ludwig Jäger unter dem Stichwort Transkriptionen untersucht hat.[1] 

 

IV. Forschungsperspektiven - interdisziplinär

Hieraus ergeben sich verschiedene Forschungsperspektiven. Sie sind dadurch gekennzeichnet, dass sie geeignet sind, jeweils zwei Disziplinen miteinander in einen Dialog zu bringen:

Erstens eröffnen sich neue Perspektiven und Fragestellungen im Rahmen einer kultur- bzw. medienwissenschaftlich orientierten Literaturwissenschaft: Die Identifizierung von Stimmen, die vielfältigen Wege ihrer gegenseitigen Überlagerungen und Brechungen, die kreativen Hybridisierungen, die aus postkolonialen Verwerfungen resultieren, die spannungsvolle Interferenz multimedialer Inszenierungen im zeitgenössischen Film, im postmodernen Theater, im Videoclip oder der Telenovela – all dies sind Prozesse, die den Wirklichkeitsmodellen und Identitätsbildern, die die Literaturwissenschaft traditionellerweise im Blick hat, „konstituierend“ vorausliegen. Im Bereich der zeitgenössischen literarischen und kinematographischen Produktion in Lateinamerika selbst gibt es Anzeichen für einen vieldeutigen Paradigmenwechsel. Das Interesse verlagert sich zunehmend auf die Darstellung der Prozesse selbst. Nicht das „ewige“ Thema der Mestizenkulturen ist interessant, sondern durch Zeit und Raum begrenzte, insofern „vergängliche“, auf die Abläufe ihrer jeweiligen performance reduzierte intertextuelle und intermediale Prozesse sind es, die von den Autoren protokolliert werden (Beispiele: der Roman País de Jauja (1993) des Peruaners Edgardo Rivera Martínez: der Film La Ciénaga (2001) der argentinischen Regisseurin Lucrezia Martel).

Zweitens scheint eine kulturwissenschaftliche und zugleich textlinguistische Typologie der Iterationen, wie Derrida (1972) sie in Signature Évenement Contexte vorsieht, vielversprechend. Wie lässt sich die Stimme des Migranten einfangen? Gewiss glauben wir uns dieser Stimme näher, wenn sie in einer Aufzeichnung gesprochen sich manifestiert. Doch gilt es gleichermaßen, die Einbrüche der Aufzeichnungsverfahren wie die Rekontextualisierungen in den Abhörprozessen zu thematisieren. Auch im Medium des Geschriebenen ist die Stimme natürlich zu finden. Transkribiert in den Code der Schrift, überdauert die Stimme auf vielfältige Weise: in Tagebüchern und Briefen, im fiktionalen Text, in Prosa und Vers, zwischen Buchdeckeln und gleichsam reanimiert, neu aufgeführt auf den Theaterbühnen. Wenn einerseits der Authentizitätsanspruch jener Aussagen fraglich ist und andererseits die Literatur mehr verspricht als bloßes Formenspiel, sind die Grenzen zwischen den Welten der Fiktion und des angeblich Nicht-Fiktionalen fließend. Eine Typologie der Iteration kann hier dennoch und bei aller Vorsicht Unterscheidungen treffen, und zwar indem sie die keineswegs neue Frage nach der Fiktionalität des Alltags mit der Frage nach den Einwirkungen der Literatur, des Theaters, der Alten und Neuen Medien auf die individuelle und gesellschaftliche Praxis verbindet.

Drittens ist eine psychologische und dabei zugleich konversationsanalytische Perspektive denkbar: Das biographische Gespräch mobilisiert psychische Inhalte, die mit Verlust, Trennung und Trauer zu tun haben; das Sprechen über die Migration kann zur Belastung werden. Trotz des Schmerzes wird im Wiederbegehen der Pfade der Vergangenheit der Wunsch der Interviewten deutlich, der Vergangenheit eine Stimme zu verleihen und sie in Worte zu fassen, an einen verloren geglaubten Teil der Person wieder anzuknüpfen. Der Anstoß kann dazu führen, den Alltag mit den kostbaren Fäden der Vergangenheit zu verweben und damit durch die Trauer über den Verlust hindurch neue Impulse der Lebensfreude zu erhalten. Boris Cyrulnik hat hierfür den Begriff der ‚Resilienz’ geprägt. Auch für die Erforschung des sog. assisted storytelling im Rahmen der konversationsanalytischen Forschungen kann diese Interviewform genutzt werden. Hier wird die Dauer des Gesprächs zum kollaborativ-schöpferischen Raum: zwei Wege/Stimmen begegnen sich; ein gemeinsamer Erfahrungsbereich zeichnet sich ab, der zwischen Vergangenheit und Gegenwart vermittelt und in der Konstruktion einer Erzählung mit zwei Stimmen die Zeitspanne der geteilten Erinnerung entstehen läßt (vgl. etwa die Arbeiten von Gene Lerner).

Viertens ist eine migrations- und sprachkontaktlinguistische Perspektive zu eröffnen: In Migrationskontexten sind es immer zunächst Sprecher mit ihren Sprechweisen, und nicht Sprachen, die in Kontakt zueinander treten (Vgl. R. Franceschini, Biographie und Interkulturalität, Tübingen 2001, T. Krefeld, Migrationslinguistik, Tübingen 2004). Die unterschiedlichen Erfahrungen mit anderen Sprechern und ihren Varietäten können sich in code–alternation und code–copying äußern (vgl. R. Kailuweit, Spanisch und Italienisch im Spiegel der argentinischen Literatur, PhiN 2004). Es geht um Transkriptionsphäno­mene, die alle Teil eines zunächst immer situationalen – stimmlichen - Prozesses sind (N. Díaz, R. Ludwig und S. Pfänder, La Romania Americana, Madrid 2002). Es sollte bei diesem Prozess nicht nur der kopierende Code auf Erhalt oder Verlust untersucht werden, sondern vielmehr auf die durch Transkription angestoßene – teils auch nur situativ begrenzte – Entstehung von Neuem. Im Blick stehen insofern all jene Phänomene, die mit dem Begriff „Sprachwandel“ bezeichnet werden können. In Migrationssituationen sind häufige Formen des Sprachwandels sog. Markierungsveränderungen; ehemals nur unteren Schichten oder der informellen Mündlichkeit zugeschriebene Varianten können ihre Stigmatisierung verlieren, wenn sie sich in anderen – gar in allen - Stimmen wieder finden. So geschah es allenthalben bei der Herausbildung des Französischen und des Spanischen in Europa und in Amerika; Prozesse, deren Radikalität nur aus der Perspektive von Migration und Transkription sinnvoll beschrieben werden können.



[1] Die besonderen Akzente des Kolloquiums werden deutlich durch zwei methodologische Begrenzungen: Zum einen geht es nicht darum, erneut nach den ggf. drohenden Verlusten im kommunikativen Gedächtnis zu fragen, wie sie etwa für Pierre Noras „lieux de mémoire“ kennzeichnend waren, oder nach den politisch-soziokulturellen Formen der (mehr oder weniger erfolgreichen) Integration und Assimilation zu suchen, wie sie für die europäische Migrationsforschung bis heute teils kennzeichnend sind, vgl. bspw. A. Sterbling, Mitgrationsprozesse, Hamburg 2006. Zum anderen werden im Unterschied zur Herausbildung der vielfältigen Wirklichkeitsmodelle bzw. Identitätsbilder, wie sie die Lateinamerikaforschung traditionellerweise beschäftigt hat (Stichworte: Kreolismus, Mestizenkultur, Indigenismus etc.), im Kolloquium vielmehr die Prozesse der Transkription selbst in den Vordergrund gestellt.

 


Exposé (en français)

Exposé (en italien)