Alexander Ochs

Schreiben als Rezeption, Lesen als Produktion. Das Werk Marcel Bénabous



Meine Dissertation befaßt sich mit dem wenig umfangreichen, aber hochkomplexen Werk des französischen Schriftstellers Marcel Bénabou (Jahrgang 1939). Er wurde von der Literaturwissenschaft noch nicht entdeckt und gilt auch in Deutschland als weitgehend unbekannt. Bénabou ist seit 1967/68 Mitglied des Ouvroir de Littérature Potentielle, kurz Oulipo. Die Oulipiens wenden sich gegen ein dem Genie-Kult huldigendes Dichtungsverständnis und setzen an dessen Stelle das Konzept einer von Regelmechanismen (contraintes) in Gang gesetzten Inspiration. Das häufig zeitraubende Suchen und Auffinden solcher contraintes ist insofern nicht unwichtig, als sie die Textgestalt (zumindest teilweise) erklären helfen und den Interpreten vor leichtfertigen Psychologismen schützen können.

Von einigen kleinen Schriften, die in der Bibliothèque Oulipienne erschienen sind, einmal abgesehen, besteht das Oeuvre Bénabous aus drei Romanen. Neben Pourquoi je n'ai écrit aucun de mes livres (Paris, Hachette, 1986), das sich als Parodie des Genres Autobiographie eines Schriftstellers gibt, werde ich Jette ce livre avant qu'il soit trop tard (Paris, Seghers, 1992) untersuchen. Beide thematisieren vor allem die Literatur. Das paradox Anmutende ist jedoch, daß Schreiben bei Bénabou zuallererst Lesen voraussetzt: Für seine écriture charakteristisch sind die scheinbar unendlich vielen Zitate, die unterschwellige Weise des Zitierens, die eine gigantische Titelkompilation hindurchscheinen lassen. - Der als . "Familienepos" angekündigte Roman Jacob, Minahem et Mimoun. Une épopée familiale (Paris, Seuil, 1996) hingegen arbeitet primär mit Wortfamilien.

Häufig führen die Texte Bénabous exakt das vor und durch, was sie beschreiben oder zu beschreiben vorgeben. So befinden wir uns als Leser bereits auf der Ebene der Meta-Repräsentation, indem der Text sich selbst thematisiert. Diese Autoreferentialität des Schreibens ist immer auch Reflexion dessen auf der Ebene der écriture.

Sinn konstituiert sich bei Bénabou durch die Materialität der Buchstaben. Dieser "Sinn" muß natürlich erst vom Leser erschlossen, d.h. beim Lesen produziert oder aktualisiert werden, nach mehrmaliger Lektüre stellen sich weitere Möglichkeiten der Sinnkonstitution ein. Das Lesen über Wortgrenzen hinweg, das die Linearität der Zeichen mißachtende, quasi-anagrammatisierende Lesen thematisiert auf der "Mikroebene" folgendes: erstens die Unabschließbarkeit des Signifikanten, zweitens die sowohl vorhandene als auch nicht vorhandene Grenze, das blanc. Damit wird die chaîne parlée zu einem Potential; und das Überspringen dieser Grenze bedeutet die Konstitution des einen oder eines anderen Sinns.

Diesen Komplex möchte ich unter anderem im Lichte der in den 70er- und 80er-Jahren zwischen Hermeneuten und Dekonstruktivisten geführten Debatte um Lektüre als misreading, als Fehllektüre untersuchen.

Zusätzlich zu den bereits genannten Aspekten werde ich den Einfluß des Perecschen Oeuvres auf das Werk Bénabous untersuchen. Sein compère Georges Perec ist derjenige, der - salopp gesagt - Bénabou das Schreiben sowohl ermöglicht als auch verunmöglicht hat. Wenngleich Marcel Bénabou seinem literarischen Vorbild geradezu liebevoll in seinen Schriften huldigt, so scheinen die Werke beider sich jedoch nachgerade antithetisch-kontrastiv zueinander zu verhalten. Während Perec sich die contrainte für sein Gesamtwerk auferlegt hat, nie dieselbe Form zu benutzen, und während er eine unfaßbare Fülle von proliferierenden Details zu Geschichten, Gedichten etc. verwebt, die ganze Kosmen hervorbringen, inszeniert Bénabou eine karge, spartanisch "möblierte" Erzähl-Welt, Vorstufe des Schweigens und sowohl Hommage an als auch Überwindung des Schweigens.

(Februar 1999)



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