Caren Hummel

 

„Judenbilder: Exil und kulturelle Identiät im Werk von Irène Némirovsky“

 

In den letzten Jahren, mehr als ein halbes Jahrhundert nach ihrem Tod im Jahr 1942, hat das allgemeine Interesse an Irène Némirovsky, einer erfolgreichen jüdischen Autorin im Frankreich der 30er Jahre, stark zugenommen. Erwähnenswert sind sowohl der Prix Renaudot 2004 für den posthum veröffentlichten Roman „Suite Française“ (2004) als auch diverse Neuauflagen und Publikationen von bislang unveröffentlichten Werken (u.a. „Le Maître des Âmes“ (erschienen 2005 bei Denoël) sowie eine verstärkte Übersetzungstätigkeit.

 

Als Jugendliche im Zuge der russischen Revolution nach Frankreich immigriert, thematisiert Némirovsky in vielen ihrer Romane und Novellen Leben und gesellschaftliche Situation ausländischer (meist jüdischer) Einwanderer in Frankreich, wobei ihre Portraits der jüdischen Figuren oft karikaturenhafte, antisemitische Züge tragen. Es ist wohl der tragische Widerspruch zwischen dieser tendenziell judenfeindlichen Haltung und dem tragischen Tod der Autorin in Auschwitz, die einer fundierten Auseinandersetzung mit Némirovskys Werk bislang im Wege standen. Die in den letzten Jahren erschienenen Beiträge konzentrieren sich auch im Wesentlichen auf die Person der Autorin und versuchen, die ambivalente Haltung gegenüber dem eigenen Judentum über die Autobiographie zu erklären.   

 

Diese Arbeit wählt einen anderen Ansatzpunkt und rückt erstmals das Werk ins Zentrum. Anhand eines ausgewählten Textkorpus, der die Schaffensperiode von 1923 bis 1940 abdeckt, sollen zunächst auf systematische Weise die fiktiven Judenbilder, die im wesentlichen mit den semantischen Kategorien Ökonomie, Rasse und Krankheit gefasst werden können, herausgearbeitet werden. Hier erweist sich die Theorie des amerikanischen Germanisten und Medizinhistorikers Sander Gilman als sehr fruchtbar. Ihr zufolge wird der speziell jüdische Antijudaismus als die Verinnerlichung eines real existierenden negativen Judenbilds in der betreffenden Gesellschaft begriffen. Der jüdische Autor projiziert dieses Bild auf sein Kunstwerk und entwirft im Laufe der Zeit ein neues fiktives Bild des Juden. Ganz besonderes Augenmerk soll in diesem Zusammenhang dem rezeptionsästhetischen Aspekt gelten, d.h. der Dynamik der Aufnahme und Bewertung von Némirovskys Werk durch wichtige Teile der französischen Literaturkritik und deren Einfluss auf den weiteren Schaffensprozess der Autorin. In diesem Zusammenhang wird auch die Frage nach der gesellschaftlichen Legitimation und Rolle des Status Schriftstellers aufgeworfen. Dieser Aspekt berührt selbstverständlich auch Fragen der Genderproblematik (Frau – Jüdin – Ausländerin – professionelle Schriftstellerin). Mitttels psycholgischer Kriterien soll schließlich der Frage nachgegangen werden, welche Rolle die persönliche Sinnsuche nach verlässlichen moralischen Werten bei der Bewertung der betreffenden Judenbilder spielt.