Lukas Gehlen

„Doch, ich werde es tun“

Nathalie Sarraute – Eine Ästhetik des Widerstands (AT)

 

Projektbeschreibung

Nathalie Sarrautes Romanästhetik wurde in der Sekundärliteratur oft und auch zu Recht im Sinne einer unablässigen Suche nach den Möglichkeiten authentischen Schreibens interpretiert. Sarrautes Ecriture trage einer komplexen inneren und äußeren Realität Rechnung, welcher sich der traditionelle Roman bislang weitgehend verschlossen habe. Ohne einen vollständigen Bruch mit der literarischen Tradition einzuleiten, distanziere sich Sarrautes Oeuvre konsequent von obsolet gewordenen literarischen Formen und narrativen Mustern, denen es innovative Schreibverfahren gegenüberstelle. Diese manifestierten sich in der Aufgabe traditioneller Handlungs- und Figurenkonzeptionen, sowie in einer Neupositionierung des Autorenbegriffs. Mit Rekurs auf Schlüsselbegriffe wie Dialogizität, Oralität und Intertextualität ließ sich zudem aufzeigen, dass Sarraute ihre Romane bewusst als „offene Kunstwerke“ konzipiert, die den Leser zu aktivier Partizipation am Kreationsprozess einladen.

Die Arbeit versteht sich als gleichermaßen als Fortführung und Neuauslegung der aufgezeigten Ergebnisse der Forschungsliteratur. Sie verfolgt dennoch insofern einen neuartigen Ansatz, als sie das Romanwerk der Autorin unter einem bislang weitgehend übersehenen motivischen Aspekt untersucht: Sarrautes Romanwerk, aber auch ihre Essays und poetologischen Stellungnahmen, so die Leit-These des Dissertationsvorhabens, durchzieht ein antiautoritärer Impetus, der sich im Widerstand gegen die unausgesprochenen, allgemein akzeptierten Vorschriften sprachlicher, künstlerischer und interpersoneller Autorität äußert. Um Missverständnissen vorzubeugen, sei darauf hingewiesen, dass der Begriff Widerstand nicht im engeren politischen Sinne zu verstehen ist, sondern eine innere Haltung gegenüber dem ästhetisch Festgefahrenen, dem künstlerisch Selbstverständlichen bezeichnet. Diese lässt sich innerhalb des Romanwerks (so etwa in Sarrautes Tropismus-Konzept und in ihren Figurenkonstellationen) ebenso aufzeigen wie außerhalb des Werks (Interviews, Selbstkommentare).

Die Arbeit nähert sich ihrem eigentlichen Thema, indem sie zunächst (1) Nathalie Sarrautes Position innerhalb des literarischen Feldes der fünfziger Jahre analysiert. Untersuchungsgegenstand ist hierbei vor allem: (1a) Sarrautes  Auseinandersetzung mit der literarischen Tradition und der „littérature engagée“; (1b) ihre bewusste  Inszenierung eines „häretischen“ Diskurses gegen scheinbar unanfechtbare literarische Dogmen und Modelle, wie sie allem in ihrem frühern Essay über Paul Valéry und in ihren Anmerkungen zur Literaturkritik zum Tragen kommt; (1c) ihre problematische Stellung  innerhalb der heterogenen Gruppe des „Nouveau Romans“. 

Der zweite Teil (2) der Arbeit untersucht Widerstandsmotive als Konstanten der Sarraute’schen Sprachkritik. Hierbei soll zunächst auf (2a) Sarrautes Postulat nach künstlerischer Vitalität eingegangen werden:  Für Sarraute ist Literatur nur dann „lebendig“, wenn es ihr gelingt in einen unverstellten Kontakt zum Leser zu treten. Die Vitalität eines Textes ist jedoch in mehrfacher Hinsicht bedroht. Zunächst einmal durch formal-ästhetische Faktoren (Klischees, Konventionen, überkommene literarische Ausdrucksformen), daneben jedoch auch durch Faktoren, die der Sprache als künstlerischem „Material“ selbst inhärent sind. Authentisches Schreiben setzt in Sarrautes Verständnis eine Widerstandsfähigkeit gegenüber dem voraus, was sie selbst als „action asséchante et pétrifiante du langage“ bezeichnet. Eine textnahe Analyse dreier Romane aus der mittleren Schaffensphase der Autorin („Le Planétarium“, „Les Fruits d’or“ und „Entre la vie et la mort“), die sich explizit mit dem Thema der literarischen Kreation auseinander setzen, soll dazu beitragen, (2b) Nathalie Sarrautes Sprachkritik zu exemplifizieren und einen Einblick in die poetologischen Fragestellungen des Werks erlauben..  

In einem dritten Schritt soll das Thema des (3) ästhetischen Widerstands im autobiographischen Diskurs näher untersucht werden. a) Mit „Enfance“ legte Sarraute 1983 eine Autobiographie vor, die sich kritisch mit den  Konventionen des Genres auseinandersetzt. Die Skepsis gegenüber dem traditionellen autobiographischen Schreiben wird hierbei insbesondere mit Hilfe der Aufspaltung der Erzählinstanz in zwei narrative Stimmen problematisiert. Eine besondere Ironie des Werkes liegt darin, dass es in „Enfance“ aber gerade der Widerstand gegen die tradierten Muster der Kindheitserinnerungen ist, der Sarrautes Autobiographie ins Rollen bringt.  („Alors, tu vas vraiment faire ça?“[…]„Oui, cette fois, on le croyait pas, mais c’est de toi que me vient l’impulsion, depuis un moment déjà tu me pousses.“) Vor diesem Hintergrund soll (3a) diskutiert werden, inwieweit „Enfance“ als genrekritische Transgression der traditionellen Autobiographie zu verstehen ist. Dabei ist es unabdingbar, näher auf die Vielzahl an Textstellen einzugehen, die im Sinne einer „mise-en-abyme“ des autobiographischen Projekts gelesen werden können. Des Weiteren sollen (3b) Formen des Widerstands innerhalb der Figurenkonstellation von „Enfance“ erarbeitet werden. Die Widerstandsmotivik richtet sich hier insbesondere gegen die Versuchungen klischeehafter Rollenzuweisung (böse Stiefmutter, unglückliches Kind etc.) und steht damit ganz im Zeichen eines der zentralen Themen von „Enfance“: der zunehmenden Autonomiegewinnung des Kindes. 

Das vierte Kapitel (4) reicht über den eigentlichen thematischen Rahmen des Themas hinaus, indem es auf Analogien hinweist, die zwischen Sarrautes Romanästhetik und (4) ihrer lebenslangen Auseinandersetzung mit der bildenden Kunst bestehen. Ausgehend von der Tatsache, dass Sarraute in ihren Romanen und Essays Entwicklungen im Bereich der Malerei immer wieder als Vergleichsmoment für die Darstellung eigener ästhetischer Positionen heranzieht, setzt sich dieses Kapitel (4a) mit dem Problem der Materialität des sprachlichen Zeichens, sowie den Text- und Bildrelationen bei Sarraute auseinander. Im Zentrum der Analysen (4b) steht hierbei neben den Romanen „Vous les entendez?“ und „Tu ne t’aimes pas“ vor allem die berühmte Museumsszene aus „Portrait d’un Inconnu“. 

Abschließend soll erörtert werden, inwieweit die Widerstands-Thematik in den Gesamtkontext des authentischen Schreibens eingeordnet werden kann. Es muss berücksichtigt werden, dass Sarraute selbst immer wieder den Recherche-Charakter ihres Schreibens hervorgehoben. Ein Begriff, der nicht zufällig gewählt ist, impliziert er doch immer auch die Möglichkeit des Nicht-Findens und letztlich auch des Scheiterns. Dem klassischen Ideal des Abgeschlossenen wird so ein Ideal des Fragmentarischen, dem Gestus der meisterhaften Beherrschung von Sprache und Form ein vages und zweifelndes Vorantasten entgegen gestellt: « L’art n’est jamais une valeur sûre. »

 

 

 

lukas.gehlen@univ-nancy2.fr