Carmen Dusemund-Brackhahn

Auf den Spuren der Eltern: Elternbilder in (auto)biographischen Texten französischer Autorinnen der achtziger und neunziger Jahre



Die Zunahme und Beliebtheit autobiographischer literarischer Produktion begünstigt auch das Entstehen von autobiographisch-biographischen Diskursen in deren Zentrum das Leben der Eltern beziehungsweise eines Elternteils steht. Die Auseinandersetzung mit den Eltern steht im Mittelpunkt der in diesem Projekt zu analysierenden (auto)biographischen Texte der zeitgenössischen Autorinnen Annie Ernaux (La Place, Une femme ), Huguette Bouchardeau (Rose Noël, Les roches rouges) und Anny Duperey (Le voile noir, Je vous écris). Die in diesem Korpus ausgewählten Texte kennzeichnet in bezug auf das Leben der Eltern ein hohes Maß an historischer, sozio-kultureller und topographischer Vergleichbarkeit, der zeitliche Rahmen umfaßt insbesondere die fünfziger und sechziger Jahre dieses Jahrhunderts, die Eltern entstammen einfachen Milieus und das Leben spielt sich in der französischen Provinz ab.

Ziel der Arbeit ist es, anhand der Texte spezifische Elemente dieses sich im Spannungsfeld zwischen Autobiographie und Biographie zu situierenden Gattungstypus zu analysieren. Die Ambivalenz der Gattung wird durch zahlreiche metatextuelle Reflektionen der Autorinnen thematisiert und hervorgehoben. Vor diesem Hintergrund soll der Gattungstypus skizziert werden. Charakteristisch für diese Textsorte ist, daß die Darstellung des Lebens der Eltern immer auch zu einer Darstellung des eigenen Lebens führt, da das Leben der Eltern immer zugleich auch Teil der eigenen Vita ist.

Neben eher formal-strukturellen Überlegungen, die den Gattungstypus betreffen, sollen die Frage der Motivation und des Auslösers für das Verfassen von Elternbiographien im Zentrum dieser Arbeit stehen. Offensichtlich stehen bestimmte Ereignisse, etwa Krankheit, Tod, Scheidung und/oder familiäre Konstellationen im unmittelbaren Zusammenhang mit dem Verfassen dieser Texte. Das Verhältnis zwischen Ereignis und Verfassen des Textes bedarf einer genauen Analyse, die u.a. Aufschluß über die eigentliche Schreibmotivation der Autorinnen gibt.

Die Auseinandersetzung mit den Eltern impliziert immer auch die Schwierigkeit der Rekonstruktion des Lebens der Eltern, aber auch der gemeinsam verlebten Zeit. Die Frage der Erinnerung muß als grundlegende Kategorie jedes autobiographischen Textes betrachtet werden, so daß sie auch in diesem Kontext von großer Relevanz ist. Zu untersuchen sind Erinnerungsauslöser und Erinnerungsstützen, hierbei soll insbesondere die zentrale Rolle des Fotos im Zusammenhang mit dem Erinnerungsprozeß analysiert werden. Ferner soll analysiert werden, wie die Autorinnen das Leben ihrer Eltern literarisieren, welche Strategien sie dabei verfolgen und inwieweit es zur Fiktionalisierung des Lebens der Eltern kommt. Abschließend soll der Frage nachgegangen werden, welches Bild der Eltern, die Autorinnen entwerfen und inwieweit dieses Elternbild auch Teil der eigenen Identitätssuche und -bildung ist.



Weitere Informationen: cdb@isere.rhein-main.de


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